Wissenswertes rund um die Schwangerschaft
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Diabetes Typ I oder II
Für die Überlegungen vor einer Schwangerschaft ist es wichtig, die Ausprägung eventuell vorhandener diabetesbedingter Folgeerkrankungen an den Augen und insbesondere an den Nieren genau festzustellen. Eine Aussage über ein eventuelles Risiko einer Schwangerschaft kann erst nach Vorliegen dieser Untersuchungsergebnisse gemacht werden:
Elternpaare, bei denen der "werdende Vater" einen Typ-l-Diabetes hat, dürfen davon ausgehen, dass ihre Kinder nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 2 - 4 % im Kindes- oder Jugendalter einen Typ-1 Diabetes entwickeln. Hat die "werdende Mutter" einen Typ-l-Diabetes, beträgt das Risiko nur 1 - 2 %. Wenn beide Eltern einen Typ-l-Diabetes haben, liegt das mittlere Risiko bei etwa 10 %, es kann aber im Einzelfall in Abhängigkeit von der Genkonstellation im späteren Leben bis auf über 30 % ansteigen.
Der Verlauf einer Schwangerschaft
Da die Kenntnis des Verlaufes einer Schwangerschaft für das Verständnis der Komplikationsmöglichkeiten wichtig ist, werden die wichtigsten Entwicklungsstadien einer Schwangerschaft vorgestellt.
In den ersten drei Monaten (dem sogenannten ersten Trimenon, d.h. dem ersten Drittel) der Schwangerschaft, werden alle Organe des Körpers angelegt. Nur die Organe, die in dieser Zeit planmäßig und korrekt angelegt worden sind, können korrekt und planmäßig weiterentwickelt werden. Bereits in dieser Zeit ist es wichtig, eine möglichst gute Diabeteseinstellung (Blutzuckerwerte vor den Mahlzeiten unter 100 mg/dl [5,6 mmol/l], nach den Hauptmahlzeiten bis 120 [6,7 mmol/I], in Ausnahmefällen bis 140 mg/dl [7,8 mmol/l], nachts Blutzucker über 60 mg/dl [3,33 mmol/I]) zu haben. Erhöhte Blutzuckerwerte können die korrekte Anlage der einzelnen Organe beeinträchtigen. Bei schlecht eingestelltem Diabetes in der Frühschwangerschaft besteht ein erhöhtes Risiko für Missbildungen. Deshalb ist es für Diabetikerinnen wichtig, bereits zum Zeitpunkt der Empfängnis den Diabetes so gut eingestellt zu haben, wie es nachher für die Schwangerschaft angestrebt wird.
Diabetikerinnen sollten deshalb ihre Schwangerschaften bewusst planen. Etwa ab der 22. bis 24. Schwangerschaftswoche ist das Kind so weit entwickelt, dass seine Bauchspeicheldrüse selbst Insulin produzieren kann. Die Insulinmoleküle von Mutter und Kind sind jedoch so groß, dass sie über den Mutterkuchen "Plazenta") nicht ausgetauscht werden können; d.h. das Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse der Mutter gebildet oder - bei Diabetikerinnen - von Mutter gespritzt wird, kann nicht über den Mutterkuchen zum Kind gelangen. Andererseits kann kindliches Insulin nicht über den Mutterkuchen in den mütterlichen Kreislauf übertreten. Neben anderen Stoffen kann und muss jedoch der Traubenzucker (Glucose) als Molekül ungehindert über den Mutterkuchen von der Mutter zum Kind übertreten. Bei erhöhten Blutzuckerwerten der Mutter tritt natürlich mehr Traubenzucker zum Kind über. Der Blutzucker ist der entscheidende Reiz für die Bauchspeicheldrüse, Insulin ins Blut abzugeben. Genauso wirkt auch ein überhöhter Blutzucker, der von der Mutter aufs Kind übergeht, in der kindlichen Bauchspeicheldrüse. Das Kind bildet mehr Insulin, um den erhöhten Blutzucker wieder zu senken, der von der Mutter über den Mutterkuchen zu ihm gelangt. Das Kind hält also durch seine eigene Insulinproduktion seine Blutzuckerwerte im Normbereich, auch wenn von der Mutter bei schlecht eingestelltem Diabetes viel Traubenzucker über den Mutterkuchen zu ihm kommt. Durch die Insulinwirkung wird der Traubenzucker beim Kind z.T. in Stärke umgewandelt, die in der Leber gespeichert wird. Zum Teil wird der Traubenzucker in der Leber des Kindes jedoch in Fett umgewandelt, das das Kind in seinen Fettdepots unter der Haut ablagert. Bei schlecht eingestelltem Blutzucker der Mutter nimmt also das Kind an Körpergewicht zu, es wird "dicker". Solche Kinder sind nach der Geburt zu schwer. Das erhöhte Körpergewicht ist jedoch nicht Zeichen einer besonders guten Entwicklung, sondern Zeichen der erhöhten Insulinspiegel. Die erhöhten Insulinspiegel finden wir aber nicht nur im Blut des Kindes, sondern auch im Fruchtwasser, in dem das Kind schwimmt. Das Fruchtwasser befindet sich auch in der Lunge des Kindes, wo durch erhöhte Insulin-Spiegel die Ausreifung einer bestimmten Zellsorte in der Lunge des Kindes verhindert wird. Diese Zellen sind normalerweise dazu da, einen bestimmten Stoff zu Produzieren, der für die Entfaltung der Lungen nach der Geburt wichtig ist.
Etwa ab der 26. Schwangerschaftswoche steigt der Insulinbedarf der schwangeren Frau deutlich an. Deshalb muss meist in dieser Zeit die Insulinbehandlung neu angepasst werden. Der deutlich erhöhte Insulinbedarf kommt dadurch zustande, dass im Mutterkuchen z.T. Insulin abgebaut wird, andererseits der Mutterkuchen selbst zwei Hormone bildet, deren Wirkung gegen die Wirkung des Insulins gerichtet ist. Eine Diabeteseinstellung mit den oben genannten Grenzwerten ist nur mit einer intensivierten Insulintherapie mit mahlzeitenabhängiger Gabe von Normalinsulin und zusätzlichem Abdecken des Basisinsulinbedarfs durch mindestens zweimalige Gabe eines Verzögerungsinsulins erreichbar. Zum schnelleren Erreichen der guten Stoffwechselwerte wird man sich in der Schwangerschaft schneller zu einer Behandlung mit einer Insulinpumpe entschließen. Dabei müssen wie bei einer intensivierten Insulintherapie in der Schwangerschaft siebenmal täglich die Blutzuckerwerte gemessen und die errechneten Insulinmengen für die Mahlzeiten in die Pumpe eingegeben werden. Der wesentliche Vorteil der Pumpe liegt darin, dass die Basisversorgung des mütterlichen Organismus mit Insulin durch eine einprogrammierbare "Basalrate" erfolgt, mit der ein Ausgleich des Insulinbedarfs wesentlich genauer erfolgen kann als dies mit zwei- oder mehrmaliger Gabe eines Verzögerungsinsulins möglich ist.
Folgerungen:
Eine möglichst gute Diabeteseinstellung in der Frühschwangerschaft ist wichtig zur Minimierung des Missbildungsrisikos. Eine möglichst optimale Diabeteseinstellung nach der 24. Schwangerschaftswoche ist wichtig zur Vermeidung der "diabetischen Fetopathie": Obergewicht es Kindes, Unreife der Lungen, Neigung zu Unterzuckerungen nach der Geburt. Ab der 26. Schwangerschaftswoche ist eine deutliche Steigerung des Insulinbedarfs zu erwarten.
Wie sollte eine Diabeteseinstellung in der Schwangerschaft aussehen, um die genannten Risiken möglichst klein zu halten?
Kontrolluntersuchungen in der Schwangerschaft (mit dem Arzt besprechen) alle 2 Wochen:
Tagebuchbesprechung beim Diabetologen Körpergewicht Blutdruck, Blutzucker bei der Vorstellung Urinstatus, ggf. Sediment und -kultur Fructosamin alle 4 Wochen:
HbAl quantitativ Glucose und Eiweiß im 24h-Urin alle 3 Monate augenärztliche Konsiliaruntersuchung Kontrolle des Alpha-1 -Fetoproteins in der 17. Woche Selbstkontrolle:
Blutzucker jeweils vor und eineinhalb Stunden nach den Hauptmahlzeiten und vor dem Schlafengehen
Werden Diabetikerinnen immer durch Kaiserschnitt entbunden?
Nein! Entbindungen durch Kaiserschnitt sind aber bei Diabetikerinnen häufiger als bei stoffwechselgesunden Frauen. Das hat folgende Gründe: natürlich gibt es auch bei Diabetikerinnen die Gründe, die auch bei stoffwechselgesunden Frauen einen Kaiserschnitt erforderlich machen (Beckenendlage beim ersten Kind, Komplikationen während der Geburt). Durch den Diabetes können jedoch zusätzlich Ereignisse eintreten, die einen Kaiserschnitt erforderlich machen (plötzliches Auftreten hohen Blutdrucks, der medikamentös kaum beeinflusst werden kann; Mangelversorgung des Kindes in der Gebärmutter, evtl. bedingt durch Veränderungen an den Blutgefäßen). In diesen Situationen werden sich die gynäkologischen Kollegen aus Sicherheitsüberlegungen für Mutter und Kind eher zu einem Kaiserschnitt entschließen.
Quelle: Dr Bernhard Lippmann-Grob, Diabetes Heute, Schriftenreihe der Deutschen Diabetes Union e.V. 1998
Beitrag zuletzt aktualisiert am: 13.12.11 10:59