Laborumgebung mit Pipette, die Flüssigkeit in Teströhrchen gibt

Baby Rhesus-positiv? Ein Bluttest sagt das jetzt schon ab der 12. Woche

Laborumgebung mit Pipette, die Flüssigkeit in Teströhrchen gibt
Rhesusfaktor: Der neue Test wird zehntausende Behandlungen ersparen

Warum geht es manchen Menschen nach einer Bluttransfusion sehr schlecht, so dass sie sterben müssen? Und warum sind Transfusionen bei anderen Menschen problemlos möglich? Warum gibt es weniger Komplikationen, wenn nur Blut von Blutsverwandten für Transfusionen verwendet wird? Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert entdeckte der Forscher Karl Landsteiner, dass Blut unterschiedlicher Menschen manchmal miteinander verklumpt. Er untersuchte im Reagenzglas die Eigenschaften der roten Blutkörperchen und unterschied die gegenseitige Verträglichkeit und Unverträglichkeit in Gruppen, die er A, B und 0 nannte. Kurz darauf kam noch die vierte Gruppe AB hinzu: Die Blutgruppen waren entdeckt und beschrieben. Nun wurde es einfacher, schwere Krankheits- und auch Todesfälle bei Blut-Transfusionen vielfach zu vermeiden. Spender und Empfänger wurden getestet, und Transfusionen wurden nur noch bei gleichen Blutgruppen durchgeführt. Ganz ausgeschlossen waren schwere Erkrankungen nach Bluttransfusionen aber trotzdem nicht.

Wer keinen Rhesusfaktor hat …

Landsteiner wollte aber mehr wissen. Er erforschte zusammen mit seinem Team, wie das Blut unterschiedlicher Tiere miteinander reagiert, und stellte fest, dass es vor allem beim Kontakt mit dem Blut von Rhesusaffen häufig zu einer Verklumpung kommt. Den Grund dafür nannte er „Rhesusfaktor“. Als er das Blut einer Frau untersuchte, deren Baby als Totgeburt zur Welt gekommen war, stellt er fest, dass die Frau Antikörper gegen das Blut ihres Ehemannes besaß, und dass es sich im Blut des Mannes um dieselben Proteine handelte wie bei den Rhesusaffen. Es gab also auch Menschen, die den Rhesusfaktor hatten, und es gab Menschen, die darauf mit Antikörpern und mit einer Verklumpung des Bluts reagierten. Landsteiner folgerte, dass wohl auch das Baby den Rhesusfaktor von seinem Vater geerbt haben musste, und dass eine Antikörper-Reaktion bei der Mutter dazu geführt hatte, dass sein Blut verklumpte und es nicht lebend zur Welt kam.

Landsteiners Entdeckungen führten zu umfangreichen Entwicklungen von Tests auf die Blutgruppen A, B, AB und 0 und auf den Rhesusfaktor. Bluttransfusionen bei gleichen Blutspendern wurden nun ohne die gefürchteten Immunreaktionen möglich. Für seine Entdeckung wurde der Wissenschaftler im Jahr 1930 mit dem Nobelpreis für Physiologie und Medizin ausgezeichnet.

… kann Antikörper dagegen ausbilden

Um Rhesus-Reaktionen in der Schwangerschaft zu verhindern, müssen allerdings weitere Wege gegangen werden. Ist die Mutter Rhesus-positiv, dann hat sie keine Antikörper gegen den Rhesusfaktor. Dann ist es egal, ob das Baby Rhesus-positiv ist oder vielleicht auch nicht. Es wird deswegen jedenfalls keine Komplikationen geben. Das ist in 85% aller Schwangerschaften in Deutschland der Fall.

Ist die Mutter Rhesus-negativ, dann hat sie zunächst einmal auch keine Antikörper gegen den Rhesusfaktor. Das kann sich aber ändern. Und zwar dann, wenn das ungeborene Baby Rhesus-positiv ist, weil es die Anlagen dazu von seinem Papa bekommen hat. Und wenn es zu einem Austausch des Baby-Bluts mit dem der Mutter kommt. Wenn die Plazenta intakt ist, ist das in der Schwangerschaft selbst die Ausnahme. Meist kommt es dazu erst während der Geburt. Dann kann die Mutter über kurze Zeit über die Nabelschnur in Kontakt mit dem Blut ihres Babys kommen. Und diese kurze Zeit reicht bereits aus, damit ihr Immunsystem reagiert und gegen die Rhesusfaktoren Antikörper bildet.

Die zweite Schwangerschaft wird lebensgefährlich

Für das frischgeborene Baby ist das egal. Es wird durch diese Antikörper seiner Mama nicht mehr erreicht. Aber wenn die Frau wieder schwanger wird, dann gelangen ihre Antikörper, die frei im Blut schwimmen und nicht an die großen roten Blutkörperchen gebunden sind, zu ihrem Baby. Sie binden sich an die roten Blutkörperchen und führen dazu, dass die Leber des ungeborenen Babys diese miteinander verklumpten Blutkörperchen verstärkt und viel zu früh abbaut. Je nachdem wie schwer die Immunreaktion ist, kommt das Kind in manchen Fällen nicht mehr lebend zur Welt, oder schwerkrank und schwer geschädigt, oder es entwickelt erst nach der Geburt eine schwere Gelbsucht, bei der sich seine roten Blutkörperchen auflösen. Eines von 200 Neugeborenen in Deutschland erkrankte wegen einer solchen Rhesus-Katastrophe früher schwer.

Eines von 200 Neugeborenen

Heute kann man diese schlimmen Verläufe verhindern: Wenn eine schwangere Frau Rhesus-negativ ist und man fürchten muss, dass sie eventuell Antikörper gegen die Rhesusfaktor-Blutkörperchen ihres ungeborenen Babys entwickelt, dann bekommt sie schon in der 30. Schwangerschaftswoche solche Antikörper gespritzt und dann noch einmal direkt nach der Geburt. Falls sich rote Blutkörperchen des Babys mit einem Rhesusfaktor ins Blut der Mama verirrt haben sollten, so werden sie durch diese gespritzten Antikörper abgefangen und neutralisiert, bevor das Immunsystem der Mutter sie entdecken kann. So bildet die Mutter keine Rhesus-Antikörper aus, und auch ihr nächstes und übernächstes Baby hat eine gute Chance, gesund zur Welt zu kommen.

Antikörper als Medikament verhindern schwere Komplikationen …

Diese Behandlung ist bewährt und üblich. Sie hat aber einen ganz entscheidenden Nachteil. Die Antikörper gegen den Rhesusfaktor, die die Mutter bekommt, können bis heute nicht synthetisch hergestellt werden. Sie werden durch Plasmaspende von Menschen gewonnen, die eigentlich Rhesus-negativ sind, aber früher einmal eine falsche Transfusion bekommen haben und deshalb selbst Antikörper im Blut haben. Da solche Fehler aber schon lange nicht mehr vorkommen, gibt es immer weniger dieser Rhesus-Plasmaspender – in Deutschland keinen einzigen mehr. In Australien ist vor kurzem der letzte Rhesus-Plasmaspender mit 81 Jahren in die Spender-Rente gegangen. Er hatte 1960 nach einer schweren Operation sehr viele Blutkonserven bekommen und danach eine große Menge an Rhesus-Antikörpern im Blut. Über 3 Millionen Immunglobulin-Behandlungen wurden allein durch seine regelmäßigen Plasmaspenden möglich.

… aber der weltweite Nachschub wird versiegen

In den USA sieht die Situation etwas anders aus. Hier bekommen Plasmaspender bis zu 400 Dollar für eine einzige Plasmaspende, und Menschen, die Rhesus-negativ sind, lassen sich manchmal absichtlich mit Rhesus-positivem Blut behandeln, um Antikörper zu bilden. Drei bis vier solcher „falscher“ Transfusionen sind meist nötig, bis genug Antikörper im Blut vorhanden sind – eine Gratwanderung, denn so wie früher auch kann es dann durchaus auch zu schweren Komplikationen kommen. Der weltweite Bedarf an Rhesus-Immunglobulinen kann aber in absehbarer Zeit auch durch diese Spender nicht mehr gedeckt werden.

Der genetische Test in der Schwangerschaft …

Deshalb wird ab 1. Juli in Deutschland erstmals ein genetischer Test in der Schwangerenvorsorge eingeführt, der im Blut der Mutter gar nicht untersucht, ob schon Blutzellen mit dem Rhesusfaktor des Babys vorhanden sind – denn der wird erst in den letzten Schwangerschaftsmonaten ausbildet. Sondern es wird nach Genschnipseln aus den Zellkernen des Embryos gesucht, aus denen man ablesen kann, ob die genetische Anlage überhaupt vorhanden ist, dass später einmal vom ungeborenen Baby ein Rhesusfaktor ausgebildet wird oder auch nicht.

… wird zehntausende Behandlungen ersparen

Wird das Baby Rhesus-negativ, dann braucht die Mutter keine Rhesus-Prophylaxe. Wenn man – ganz grob geschätzt – rechnet, dass von knapp 800.000 Schwangeren pro Jahr in Deutschland 15 Prozent Rhesus-negativ sind und bei 40% auch das Baby Rhesus-negativ, dann können zwischen 45.000 und 50.000 Behandlungen pro Jahr gespart werden, und das zweimal, nämlich in der 30. Woche und nach der Geburt. Auch wenn die Schwangere selbst und ihr Baby im Moment gar keinen Nutzen von dem Test haben, weil es ja derzeit noch genug Rhesus-Immunglobuline gibt – alle künftigen Schwangeren und natürlich auch die kommenden, jüngeren und vielleicht noch gar nicht geplanten Geschwisterkinder werden es danken.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

Bild-Copyright © Louis Reed / unsplash