Rauchender Kaminschlot einer Fabrik vor blauem Himmel

Feinstaub ist schädlich für die Schwangerschaft – aber nicht in Mitteleuropa

Heute geht es in unserem Blog ein bisschen um Zahlen und Wissenschaft. Aber keine Sorge, am Ende ist alles ganz einfach.

Rauchender Kaminschlot einer Fabrik vor blauem Himmel

Das Geburtsgewicht fällt etwas geringer aus, wenn die Luftbelastung steigt.

Die Corona-Epidemie bescherte den chinesischen Metropolen im vergangenen Winter eine seit vielen Jahren unbekannte Reinheit der Luft. Noch wenige Monate vorher waren einige besorgniserregende Untersuchungen aus China bekannt geworden: In Regionen mit einer hohen Feinstaub-Belastung gäbe es entschieden mehr Fehlgeburten. Ähnliche Zusammenhänge wurden auch in vergleichenden Studien aus Städten in den USA und in Europa bekannt. Sieht man sich aber die Zahlen gründlich an, dann kommt man letztlich für uns in Mitteleuropa zu der Erkenntnis, dass die Feinstaub-Belastung durch Kerzenruß und Passivrauchen die Belastung durch Verkehr und Heizung um das Vielfache übersteigt und dass der Feinstaub in unseren Städten keinen Einfluss darauf hat, ob ein Baby als Früh- oder als Reifgeborenes zur Welt kommt.

Natürlich geht es bei der Frage, ob die Luftverschmutzung sich auf die Gesundheit und auf die Schwangerschaft auswirken kann, nicht nur um Feinstaub, sondern auch um Stick-, Schwefel- und Kohlenstoffoxide, um Bleiverbindungen und vieles mehr. Feinstaub hat hier aber eine besondere Bedeutung, weil in ihm potenziell schädliche Schwermetallverbindungen und Produkte aus der Kunststoff-Verbrennung gebunden sind. Gase wie Schwefel- und Stickoxide verteilen sich außerdem sehr großflächig inzwischen in der ganzen Atmosphäre, so dass kaum noch Unterschiede zwischen stark und schwach bevölkerten Regionen messbar sind.

Als Erstes seien hier nun die Feinstaub-Belastungen in Deutschland im Freien, und in Innenräumen und als Vergleich in China vorgestellt. PM2,5 beschreibt Feinstaub mit einer sehr kleinen Partikelgröße von 2,5 Mikrometern, PM10 Feinstaub mit einer größeren Partikelgröße von 10 Mikrometern. Gemessen wird die Belastung der Luft in Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/ m3).

Tabelle der Belastungen mit Feinstaub (PM2,5 und PM10) in Deutschland und in China

PM2,5 PM10
EU-Grenzwert für Jahresmittelwerte 25 µg/m3 40 µg/m3
Deutschland, ländlich, Jahresmittelwerte (2017) 5-10 µg/m3 10-15 µg/m3
Deutschland, Ballungsräume

Jahresmittelwerte (2017)

10-15 µg/m3 20-25 µg/m3
Deutschland, Innenstädte
Jahresmittelwert
20-25 µg/m3 20-25 µg/m3
Innenraum mit Zigarettenrauch Bis zu 600 µg/m3 Bis zu 700 µg/m3
Innenraum mit Kerzen Bis zu 1000 µg/m3
China, mittlere städtische Belastung 63-130 µg/m3 40-100 µg/m3
China, hohe städtische Belastung 150-300 µg/m3 50-200 µg/m3

Tabelle. Belastungen mit Feinstaub (PM2,5 und PM10) in Deutschland und in China (Quellen: Umweltbundesamt http://gis.uba.de/Website/luft/index.html , Feinstaub im Zigarettenrauch – unter anderem https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4722733/ , Lufqualität in China: World Air Quality Project https://aqicn.org/forecast/beijing/de/ , United States Environmental Protection Agency – Publikation zum Kerzenrauch )

Feinstaub-Belastung durch Kerzenflammen – 50mal höher als durch Straßenverkehr

Die Tabelle zeigt, dass die Feinstaubbelastung in chinesischen Städten teilweise um ein Vielfaches über den Messungen in Deutschland liegt. Der Spitzenwert für PM2,5-Feinstaub in China ist mehr als zehnmal höher als in deutschen Innenstädten. Doppelt so hoch wie in den chinesischen Ballungsräumen allerdings ist die Belastung, wenn im Innenraum Zigaretten geraucht oder gar Kerzen angezündet werden. Noch nie ist irgendjemand auf die Idee gekommen, dass das Abbrennen von Kerzen für das Baby schädlich sein könnte. Aber vielleicht sollte man sich das nochmal genauer ansehen.

Die große Untersuchung in China jedenfalls, in der festgestellt worden war, dass Fehlgeburten um 50‘% häufiger sind, wenn die Feinstaubbelastung hoch ist, wurde in Städten durchgeführt mit einer Untergrenze von etwa 60 µg/m3 und einer Obergrenze von 300 µg/m3 Feinstaub-Belastung. Nirgends in Europa werden solche enorm hohen Werte gemessen. Selbst im Südwesten Polens in der Umgebung der großen Braunkohlekraftwerke liegt die Belastung im Winter nicht höher als 60 µg/m3. Dass es in Mitteleuropa irgendwo als Folge der Feinstaubbelastung zu Fehlgeburten kommen könnte, kann man allein anhand dieser Zahlen ausschließen.

Allerdings gibt es noch eine weitere, sehr große Untersuchung aus den USA, bei der die gemessenen und verglichenen Werte ähnlich sind wie die Feinstaubbelastung in Deutschland.

Die Babys sind gesund, aber etwas leichter

In dieser Studie kam letztlich heraus, dass das Geburtsgewicht etwas geringer ausfällt, wenn die Luftbelastung steigt, und zwar um 13 bis 16 Gramm für jeden Anstieg um 2,5 µg/m3. Eine Zunahme an Frühgeburten wurde nicht beobachtet. Legt man die Werte aus der Tabelle zugrunde, dann würde das bedeuten, dass Kinder, deren Mütter sich während der Schwangerschaft vorwiegend in Innenstädten aufgehalten haben, nicht früher geboren werden. Aber sie kommen um 30 bis 40 Gramm leichter zur Welt als Kinder aus den grünen Außenbezirken.

30 Gramm weniger durch Feinstaub, 600 Gramm weniger durch Zigaretten

Diese Beobachtung erscheint logisch. Denn man weiß heute, dass Kinder von Müttern, die regelmäßig Zigarettenrauch durch Passivrauchen ausgesetzt waren, ebenfalls nicht häufiger als Frühgeborene zur Welt kommen, aber um bis zu 60 Gramm kleiner sind als Kinder aus komplett rauchfreien Schwangerschaften. Und wenn die Schwangere selbst täglich mehr als 10 Zigaretten raucht, und zwar die ganze Schwangerschaft hindurch, dann verringert dies das Geburtsgewicht im Durchschnitt um fast 600 Gramm.

Wie anfangs versprochen: Die Zahlen sind letztlich weniger kompliziert als es auf den ersten Blick scheint. Die Luftbelastung durch Verkehr und Heizung kann dazu führen, dass Babys bei ihrer Geburt zwar gesund, aber geringfügig leichter auf die Welt kommen. Doppelt so hoch ist der Effekt als Folge des Passivrauchens, und zehnmal stärker, wenn die Schwangere während der Schwangerschaft weiterraucht.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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