Gesunde Ernährung vor der Schwangerschaft

Gesund in die Schwangerschaft – Eine Frage des Lebensstils

Der erste Teil unserer Beitragsreihe „Gesund in die Schwangerschaft“. Los geht’s mit der Lifestyle-Frage, mal aus einem anderen Blickwinkel …

Gesunde Ernährung vor der Schwangerschaft

Vor der Schwangerschaft ist der richtige Zeitpunkt, sich mit dem eigenen Lebensstil auseinanderzusetzen.

Das Baby soll möglichst nicht mit einem Kaiserschnitt zur Welt kommen? Dann ist es zwei Jahre vor der geplanten Geburt sinnvoll, auf die Waage zu gehen und sich einer Zahl zu stellen – dem BMI[1]. Liegt er unter 25, dann können Sie an dieser Stelle weiterlesen, müssen aber nicht. Liegt Ihr BMI über 25 und planen Sie eine Schwangerschaft, dann könnte es jetzt gerade noch rechtzeitig sein…

Es geht an dieser Stelle nicht darum, einem bestimmten ästhetischen Körperideal das Wort zu reden. Es geht nicht um die Frage von Disziplin und Nachlässigkeit. Es ist bekannt, dass Oversize-Frauen eine viel höhere Disziplin haben, sich selbst viel intensiver und kritischer beobachten als schlanke Frauen. Und natürlich ist jede Frau wunderbar, egal was ihre Lieblingsfarbe ist, ihr Lieblingsessen oder ihre Kleidergröße. Um all das soll es hier nicht gehen.

Mehr Fehlgeburten, doppelt so viele Kaiserschnitte

Es geht um Zahlen. Bei Frauen mit einem BMI über 30 muss die Geburt doppelt so häufig mit einem Kaiserschnitt beendet werden wie bei schlanken Frauen. Und das Risiko für einen ungeplanten Kaiserschnitt, also einen Notkaiserschnitt während der Geburt, ist noch höher. Und je höher das Übergewicht ist, umso stärker steigt auch das Risiko. Dabei geht es nicht um den BMI am Ende der Schwangerschaft, sondern am Anfang. Wieviel die Schwangere während der neun Monate an Gewicht zugelegt hat, ist für das Kaiserschnitt-Risiko zweitrangig.

Das ist aber noch nicht alles. Frauen, die mit einem BMI über 25 in die Schwangerschaft gehen, haben häufiger Fehlgeburten, entwickeln häufiger einen Bluthochdruck und einen Schwangerschaftsdiabetes, die beide häufiger in Frühgeburten münden. Und vor allem geben sie ihren Kindern häufiger ein tonnenschweres Erbe mit auf ihren Weg: Das Überangebot an Nahrung im Blut der Mutter lässt den Gehalt an Nährstoffen im Blut steigen. Diese Nährstoffe gelangen direkt zum Kind, so ist es vorgesehen. Das ungeborene Baby aber kann sich nicht entscheiden „halt stopp“ zu sagen, es wird immer wieder überernährt, wird dadurch größer und schwerer als es eigentlich biologisch sein sollte. Manchmal verursacht das starke Wachstum der inneren Organe sogar einen angeborenen Herzfehler.

Von Geburt an niemals satt

Diese Babys haben schon in der Gebärmutter nicht gelernt, wann sie genug Nährstoffe aufgenommen haben. Sie werden häufiger ohne ein gesundes Hunger- und Sättigungsgefühl geboren, sind deshalb bereits als Kleinkinder häufiger übergewichtig. Ihre kindliche Muskulatur hat Probleme, den zu schweren Körper mit Leichtigkeit zu bewegen; sie sind dadurch langsamer und beim Spielen und Toben ungeschickter und weniger gelenkig als andere Kinder, und sie werden diesen dunklen Schatten oft auch in ihrer ganzen Schulzeit und bis in ihr Erwachsenenleben nicht los. Dass Kinder übergewichtiger Mütter nicht nur häufiger übergewichtig sind, sondern später auch häufiger an Bluthochdruck, Diabetes und Herzinfarkten erkranken, ist die logische Folge.

Dunkler Schatten für Jahrzehnte

Und das alles fängt – nein, nicht zu Beginn der Schwangerschaft an. Sondern viel früher. Vor einigen Jahren gab es in Deutschland ein umfangreiches Programm, um übergewichtige Frauen mit einer intensiven Ernährungsberatung durch ihre Schwangerschaft zu begleiten. Ziel war es, die Ernährung der Mütter zu verändern, um die gesundheitlichen Risiken bei den Müttern zu reduzieren, um das zu starke Wachstum der ungeborenen Babys von Müttern, die sich überkalorisch ernähren, einzugrenzen und das Risiko für Kaiserschnitte zu senken. Auch wenn die Programmverantwortlichen das anders formulieren, das Programm ist gescheitert[2]. Wenn die Mütter zu Beginn der Schwangerschaft übergewichtig waren, dann hatte auch eine intensive Beratung und Betreuung während der Schwangerschaft in Richtung gesündere Lebensform nur einen minimalen Effekt. Auch andere große Untersuchungen aus anderen Ländern hatten dasselbe Ergebnis[3].

Will ich das wirklich essen?

Das einzige was die Situation ganz grundlegend und zum Positiven verändert, ist bereits ohne Übergewicht in die Schwangerschaft hineinzugehen. Das ist eine Erkenntnis, die sich inzwischen in internationalen Studien durchsetzt[4]  – nur dass noch niemand recht weiß, wie man das dann in der Wirklichkeit erreichen kann. Denn das bedeutet nicht, zwei Monate vor dem Absetzen der Pille eine Crashdiät zu machen, zumal schnelles Abnehmen immer eine Mangelsituation erzeugt, und das wäre zum Beginn einer Schwangerschaft mehr als ungünstig. Letztlich geht es auch nicht darum, Kalorien zu zählen, Ernährungspläne abzuarbeiten, die andere entworfen haben. Das alles hält von heute auf übermorgen, aber nicht für lange Zeit. Die wichtige, grundlegende Frage ist „Will ich das, was ich da gerade vor mir habe, wirklich essen? Und wenn nicht, was will ich eigentlich essen oder trinken?“ und „Was führt mich ständig in eine Situation, in der ich etwas anderes esse und trinke als es mir gut tut?“

Ist es zu wenig Schlaf? Ist es das gemeinsame Essen mit anderen, mit dem Partner, ist es das Gefühl, ein Neinsagen beim Kochen und Essen bedeute diejenigen abzulehnen, die mit am Tisch sitzen? Oder ist es umgekehrt ein Verzicht und ein sich steigernder Hunger über den ganzen Tag, um dann regelmäßig einem abendlichen Notstand zum Opfer zu fallen? Manchmal hilft das Essen auch über Erschöpfung hinweg, über schlechte Laune, über eine angespannte Stimmung auf der Arbeit, über den dringenden Impuls wegzurennen. Und Nahrungsmittel mit viel Fett, Zucker, Salz und einem hohen Knusper-Anteil sind als schnelles Doping für das Gehirn wesentlich besser geeignet als Vollkornreis an Mangold mit gedünstetem Fisch.

Doping fürs Gehirn, Gift fürs Baby

Natürlich hilft es hier nicht, die Chips einfach durch Magerquark zu ersetzen. Das geht höchstens eine Woche gut, wenn überhaupt. Wenn das Essen wirklich als Überlebenswerkzeug gebraucht wird, und sei es nur in bestimmten Situationen, dann ist eine Diät wie ein kalter Entzug bei einer Drogenabhängigkeit. Dann geht es nicht darum, Kalorien zu zählen, sondern sich dem Leben ohne den Suchtstoff entgegenzustellen und sich klarzumachen dass Essen diese Situation nicht löst, sondern sie festzementiert. Ob man das allein schafft, mit Hilfe von anderen, mit Büchern, Online-Programmen, das ist egal. Manchmal geht es wirklich nur darum festzustellen, dass hin und wieder ein Nein beim Essen keine Freundschaft und keine Liebe ernsthaft gefährden kann.

Auf jeden Fall ist es der richtige Zeitpunkt, sich VOR einer Schwangerschaft auf diesen Weg zu machen. Die Schwangerschaft und später der definitiv anstrengende Alltag mit dem Baby, der immer auch eine ganz neue Belastung für die Partnerschaft darstellt, sind keine guten Zeiten, um sich mit den eigenen Ernährungsgewohnheiten auseinanderzusetzen.

Als Schnitzel wäre das Haltungsform 2

Vielleicht liegt es auch gar nicht am Essen. Vielleicht liegt es eher daran, dass viel zu wenig Bewegung im Alltag ist. Von morgens bis abends zu sitzen ist keine artgerechte Haltungsform. Wären wir ein Schnitzel, ergäbe das für das Tierwohl-Label höchstens die Haltungsform 2 – Stallhaltung plus. Die meisten Menschen haben inzwischen ein Fitnessarmband in irgendeiner Schublade liegen und einen Schrittzähler im Handy. Jeden Tag 5000 Schritte, das sollte das Minimum sein, und das ist nicht viel. Wenn 5000 Schritte geschafft werden, vielleicht könnten es auch 7000 oder am Wochenende 10.000 werden? Das sollte eigentlich das Ziel sein, so ist es biologisch korrekt, Menschen sind Lauftiere.

Mehr Bildschirm – mehr Gewicht

Es gibt eine direkte Beziehung zwischen dem Mangel an Bewegung in der Schwangerschaft und dem Auftreten von Schwangerschaftsdiabetes. Und es gibt eine direkte Beziehung zwischen der Zeit, die Menschen in ihrer Freizeit vor dem Bildschirm sitzen – PC, TV, Tablet, Mobil – und dem Körpergewicht. Denn das Sitzen vor dem Bildschirm, PC und vor dem TV hat eine ganz andere Qualität als zum Beispiel das Sitzen am Tisch beim Essen. Die Muskulatur geht beim Bildschirm-Arbeiten ebenso wie beim Fernsehen in Tiefen-Entspannung, der Grundumsatz sinkt in den Keller. Die negativen Effekte, die das stundenlange Sitzen vor dem Bildschirm auf den Stoffwechsel und das Körpergewicht hat, können nicht einmal durch intensiven Sport am Wochenende ausgeglichen werden. Deshalb gibt es die dringende Empfehlung, beim Bildschirmarbeiten mindestens einmal pro Stunde aufzustehen sich zu bewegen. UND natürlich dabei den Sport am Morgen oder am Abend und am Wochenende deswegen nicht auszulassen.

Alltagsroutine zu bekommen mit mehr Bewegung, auch das gehört zum Kinderwunsch und sollte vor der Schwangerschaft passieren. Dann sind Kreislauf und Muskulatur auch besser vorbereitet auf die Mehrarbeit mit dem ungeborenen Baby.

Ja aber. Mein Schrittzähler zählt nicht, wenn ich Fahrrad fahre oder schwimme. Ja aber wenn ich Sport nicht ausstehen kann. Ja aber wenn ich am liebsten Schnitzel mit Pommes mag, Pizza, Marmeladebrötchen und Kaffee mit viel Milch. Ja aber. Wie erkläre ich das meinem Partner, meiner Mutter, den Kolleginnen, dass ich mein Leben umkrempeln will. Ja aber heißt mir doch egal.

Am weitesten hilft Ehrlichkeit vor sich selbst

Am weitesten hilft Ehrlichkeit, und zwar nicht so sehr vor den anderen Menschen, sondern zuerst vor sich selbst. Zum Kinderwunsch gehört immer der Wunsch nach einem gesunden Kind. Deshalb hören die meisten Frauen zu Beginn der Schwangerschaft konsequent mit Alkohol und Zigaretten auf. Jetzt kommen etwas dazu, was einen noch längeren Atem braucht, eine andere Art zu Essen und mehr Bewegung. Mit derselben Klarheit und Selbstverständlichkeit.

Ein Baby, das übergewichtig, vielleicht mit einem Herzfehler, vielleicht als Frühgeburt nach einem Kaiserschnitt ins Leben starten muss, dass seine ganze Kindheit wegen seiner Unsportlichkeit und seines Übergewichts im Nachteil ist, das später ein hohes Risiko hat, selbst Bluthochdruck und Diabetes zu entwickeln …. Das alles kann verhindert werden, entspannt und rechtzeitig VOR der Schwangerschaft.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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Fußnoten:

[1] BMI = Body Mass Index = Körpergewicht (in kg) durch Körpergröße x Körpergröße (in m)

[2] http://www.kern.bayern.de/wissenstransfer/077090/index.php ; Günther J, Hoffmann J, KunathJ , Spies M,  Meyer D, Stecher L, Rosenfeld E, Kick L, Rauh K, Hauner H, Effects of a Lifestyle Intervention in Routine Care on Prenatal Dietary Behavior—Findings from the Cluster-Randomized GeliS Trial . J. Clin. Med. 2019, 8, 960; doi:10.3390/jcm8070960

[3] Chappell LC, Seed PT, Myers J, Taylor RS, Kenny LC, Dekker GA, Walker JJ, McCowan LM, North RA, Poston L. Exploration and confirmation of factors associated with uncomplicated pregnancy in nulliparous women: prospective cohort study.Br J Sports Med. 2015 Jan;49(2):136. doi: 10.1136/bjsports-2014-f6398rep.

[4] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6294644/ Koletzko B, Cremer M, Flothkötter M, Graf C, Hauner H, Hellmers C, Kersting M, Krawinkel M, Przyrembel H, Röbl-Mathieu M, Schiffner U, Vetter K, Weißenborn A, Wöckel A. Ernährung und Lebensstil vor und während der Schwangerschaft – Handlungsempfehlungen des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben. Geburtshilfe Frauenheilkd 2018; 78(12): 1262-1282. DOI: 10.1055/a-0713-1058