Schwangerschaftsdiabetes – Screening lieber nicht aufschieben

Screening nicht aufschieben: Jeder Tag früher ist ein gewonnener Tag fürs Baby

Schon von der 20. Schwangerschaftswoche an wächst das ungeborene Baby zu schnell, wenn die Mama einen Schwangerschaftsdiabetes hat und der Zuckergehalt im Blut nicht mehr normal kontrolliert werden kann. Das verursacht mehrere Probleme, weil der Überschuss an Zucker im Blut der Mutter durch die Nabelschnur direkt zum Kind gelangt.

Erstens gewöhnt sich dadurch das Baby schon als Embryo an ein Überangebot an Kalorien in Form von reinem Zucker. Es wird zu groß und zu schwer geboren und besteht die Gefahr, dass es Zeit seines Lebens übergewichtig sein wird.

Zweitens wachsen auch die inneren Organe zu schnell und unregelmäßig. Daher besteht ein erhöhtes Risiko für eigentlich seltene Fehlbildungen wie etwa Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, und sieben von hundert Kindern kommen nach ein unbehandelten Schwangerschaftsdiabetes (= Gestations-Diabetes mellitus = GDM) mit einem Herzfehler auf die Welt.

Und drittens – und das ist das größte Risiko – wird das Baby in sehr vielen Fällen zu groß, es kommt häufiger zu vorzeitigen Wehen und zu einer zu Frühgeburt, weil die Gebärmutter sich nicht mehr weiter ausdehnen kann. Wenn das Baby dagegen reif geboren wird, wiegt es oft deutlich mehr als 4000 Gramm.

Geburt dauert länger, häufigere Schäden am Beckenboden, häufigere Kaiserschnitte

Und weil der Kopf des Babys groß ist, dauert die natürliche Geburt länger, die Presswehen werden härter, es kommt häufiger zu Verletzungen des Beckenbodens, und um das alles zu vermeiden werden Babys am Ende einer GDM-Schwangerschaft auch häufiger mit einem Kaiserschnitt geholt.

Aus diesen Gründen steht heute jeder Schwangeren zwischen der 24. und 28. Woche eine Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes zu. Ein früherer Zeitpunkt, so meinte man lange, sei nicht sinnvoll, weil manche Frauen ihren Schwangerschaftsdiabetes erst zu diesem Zeitpunkt entwickeln. Wenn ein Schwangerschaftsdiabetes entdeckt wird, kann man vieles dafür tun, dass der Blutzucker in Zukunft nicht mehr so ansteigt und das Baby nicht schon als Embryo überfüttert wird. Darüber wird es in den nächsten Monaten einen anderen Babycare-Blogbeitrag geben. Hier soll es um den Zeitpunkt gehen, an dem das Screening, der Blutzuckertest, durchgeführt wird.

Ende der 24. bis Anfang der 28. Woche für den Zuckertest ist eigentlich zu spät

Denn die Empfehlung „Ende der 24. bis Anfang der 28. Woche“ muss vielleicht kritisch überdacht werden, meint Dr. Helmut Kleinwechter aus Kiel, einer der führenden Experten zum Schwangerschaftsdiabetes in Deutschland. Denn wenn sich die Störung des Zuckerstoffwechsels schon früher entwickelt hat und das Baby länger dem zu hohen Zuckerangebot ausgesetzt ist, fängt es schon ab der 20. Woche an zu schnell zu wachsen. Das hat eine Studie in den USA mit über 2000 Frauen ergeben[1]. Kleinwechter sagt deshalb, dass das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes nicht erst in der 24. Bis 28. Woche stattfinden sollte. Das sei viel zu spät. Ein Monat früher sei sehr viel besser, um den Blutzuckertest durchzuführen und das Baby zu schützen[2], und er muss es wissen: Seit Jahrzehnten kämpft der Diabetologe gemeinsam mit Prof. Ute Schäfer-Graf vom Sankt-Josef-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof darum, dass der Schwangerschaftsdiabetes als Risiko und Krankheit ernst genommen wird – zuerst von den Ärztinnen und Ärzten, dann von den Krankenkassen, die die Untersuchungen bezahlen müssen, und auch von den Schwangeren selbst.

Haben fast 10% aller Schwangeren einen Schwangerschaftsdiabetes?

Noch im Jahr 2009 hatte das Institut, das von den Krankenkassen mit einer Bewertung des GDM-Screenings beauftragt war, die Studienlage so zusammeninterpretiert, dass das GDM-Screening als überflüssig und schädlich bezeichnet wurde. Nur drei Jahre später wurde es entgegen diesem Votum zur Kassenleistung. Wieviele Schwangere in Deutschland einen GDM entwickeln, ist nicht ganz klar – eine Auswertung aus dem Jahr 2016 ergab 40.648 Fälle bei 758.683 Geburten (IQTIG), also 5,38 Prozent. [3]Dabei handelte es sich aber nur um eine Zählung der Fälle, die diagnostiziert wurden. Es blieb dabei unberücksichtigt, dass das Screening nur bei 80 Prozent aller schwangeren Frauen durchgeführt wird, und dass 64 Prozent von ihnen nur den Vortest bekommen, bei dem ein Drittel aller Fälle übersehen wird[4]. Wenn man diese beiden Zahlen mit einbezieht, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass nicht bei fünf, sondern bei 9 bis 10 Prozent aller Schwangeren in Deutschland diese wesentliche Stoffwechselveränderung auftritt.

Bei Schwangeren, die ein erhöhtes Risiko haben für eine Störung des Zuckerstoffwechsels, empfiehlt die deutschsprachige Leitlinie zum Schwangerschaftsdiabetes ohnehin, dass die Zuckerdiagnostik viel früher stattfinden soll. Zu diesen Risiken gehört es, wenn bereits eine Zuckerkrankheit vor der Schwangerschaft besteht, wenn Übergewicht vorliegt, Bluthochdruck, wenn die Schwangere älter ist als 35 Jahre, wenn Diabetes in der Familie vorkommt oder wenn bei einer früheren Schwangerschaft schon ein GDM aufgetreten ist. Genauso wird als Risiko eingeschätzt, wenn ein Kind aus einer früheren Schwangerschaft sehr groß und kräftig zur Welt gekommen ist, auch wenn kein Diabetes diagnostiziert wurde. Denn dann liegt die Vermutung nahe, dass zwar eine Störung des Zuckerstoffwechsels vorlag, dass diese aber nicht in den Tests entdeckt wurde.

Jeder Tag früher ist ein gewonnener Tag fürs Baby

Für Schwangere ohne solche Risiken bezahlen die Krankenkassen den Test erst ab dem Ende der 24. Woche. Wenn man einen früheren Test haben möchte, dann hätte die Frauenärztin Recht, wenn sie sagt, dass sie das nicht machen kann. Das sollte aber bedeuten, dass die werdende Mama den Test nicht auf die lange Bank schieben, sondern wirklich so früh wie möglich über sich ergehen lassen sollte. Jeder Tag früher, an dem diese Stoffwechselstörung entdeckt hat, ist ein gewonnener Tag für das Baby.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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[1] Mengying Li und andere. Glycaemic status during pregnancy and longitudinal measures of fetal growth in a multi-racial US population: a prospective cohort study, The Lancet Diabetes & Endocrinology, Volume 8, Issue 4, 2020, Pages 292-300, ISSN 2213-8587, https://doi.org/10.1016/S2213-8587(20)30024-3.

[2] Kleinwechter H, Adipositas und Diabetes beginnen oft im Uterus! Ärzte Zeitung 11.12.2020

[3] Melchior H, Kurch-Bek D, M. Mund, Gestationsdiabetes: Prävalenz nach Einführung des Screenings, Frauenarzt 58 (2017)12, 1006 ff.