Das Stillen fördern – gerade während der Pandemie

Ein Beitrag zur Welt-Stillwoche 2021 von Sarah Fügenschuh, Leitung Presse und Kommunikation, EFCNI

Seit 1991 findet im August die Welt-Stillwoche statt. Gegründet von der World Alliance for Breastfeeding Action (WABA), soll sie dem Thema Stillen einen Raum im öffentlichen Diskurs geben. Obwohl die Welt-Stillwoche offiziell immer in der ersten Augustwoche stattfindet, feiern viele Länder auch zu anderen Zeitpunkten; Deutschland (sowie u.a. Frankreich, Spanien und Italien) feiert in der 40. Kalenderwoche des Jahres, in Anlehnung an die 40 Wochen einer regulären Schwangerschaft. In anderen Ländern wiederum, wird die Stillwoche um den Muttertag herum begangen. In Griechenland hingegen ist die erste Woche im November dem Stillen gewidmet. Trotz unterschiedlicher Zeitpläne eint die Welt-Stillwoche alle Unterstützenden in dem Bestreben, über die vielen Vorteile des Stillens für Mutter und Kind aufzuklären und für eine stillfreundliche Gesellschaft einzustehen.

Stillen – zwischen Erwartung und Realität

Die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für Mutter und Kind, sind im Rahmen zahlreicher Studien immer wieder untersucht und belegt worden. Muttermilch ist für das Baby ein maßgebender Faktor für dessen langfristige gesunde Entwicklung. Sie unterstützt nicht nur das Wachstum des Kindes, sondern wirkt sich positiv auf weitere Bereiche, wie zum Beispiel die Immunabwehr des Kindes aus. Kinder, die in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt werden, haben ein reduziertes Risiko an Infektionserkrankungen wie zum Beispiel NEC (Necrotizing enterocolitis) oder RSV (Respiratory Syncytial Virus) zu erkranken. Hier profitieren Frühgeborene besonders vom Stillen, da ihr Immunsystem noch sehr unausgereift ist. Auch das SIDS (Sudden Infant Death Syndrome, auch plötzlicher Kindstod genannt) Risiko ist geringer. [1] Langfristig sollen Stillkinder auch weniger anfällig für Allergien sein und ein vermindertes Risiko für Krebserkrankungen, Asthma oder Diabetes haben. Frauen die stillen, haben außerdem ein geringeres Brustkrebsrisiko. [2] Stillen birgt demnach viele Vorteile. Dennoch ist die Entscheidung für oder gegen das Stillen eine individuelle und jede Frau sollte, gut informiert, selbst diese Entscheidung treffen können.

Häufig fällt das Stillen zudem auch nicht immer leicht oder ist aus medizinischen Gründen nicht (sofort) möglich. Vor allem nach einer spontanen Frühgeburt, sehen sich Frauen mit Problemen wie postoperativen Schmerzen oder Medikamenteneinnahme konfrontiert. Auch der Milcheinschuss kann nach einer Frühgeburt erst um Tage verzögert und in verringertem Ausmaß eintreten. [3] Neben den körperlichen Hindernissen, spielen auch Druck und eine Erwartungshaltung in Bezug auf das Stillen, sei es von außen oder aufgrund eigener Ansprüche, eine große Rolle; sie können die Stillerfahrung negativ beeinflussen und begünstigen das Risiko an einer postpartale Depression zu leiden. Im Gegenzug kann eine gute Stillberatung das psychische Wohlergehen von Müttern stark positiv beeinflussen. [4] Frauen, und auch ihr privates Umfeld, benötigen hier eine einfühlsame und umfassende Aufklärung, um vor zu hohen Erwartungen geschützt zu werden und um gezielt um Hilfe bitten zu können.

Stillen – ein emotionales Thema

Die Debatte über das Stillen wird immer wieder sehr öffentlich geführt. Die Diskussionen reichen von „Wie sollte Stillen in der Öffentlichkeit gehandhabt werden?“ über Forderungen zur „Entsexualisierung der weiblichen Brust“, bis zu „Mom shaming“, dann, wenn Frauen nicht stillen, nicht ausschließlich stillen, nicht lange genug stillen – oder dann doch zu lange stillen. Eine polarisierte Diskussionskultur und stereotype Mutterideale erschweren es Frauen ihre Sorgen und Probleme beim Stillen zu kommunizieren und Phrasen wie „Jede Frau kann stillen“ lassen ein unterschwelliges „… wenn sie es denn möchte“ mitschwingen und erhöhen den Druck eine problemlose Stillerfahrung zu haben.

Die European Foundation for the Care of Newborn Infants (EFCNI) beteiligt sich seit vielen Jahren an der Welt-Stillwoche mit dem Ziel, vor allem Frühgeborenen und deren Müttern im Rahmen dieser Initiative ein Forum zu bieten. Gerade bei Frühgeborenen ist das Füttern von der Brust nicht sofort möglich da sie entweder Saugen und Schlucken noch nicht koordinieren können oder aber, im Falle einer extremen Frühgeburt, ihr Verdauungstrakt noch zu unreif ist und Nahrung über eine Sonde verabreicht werden muss. Sie profitieren aber ganz besonders vom Stillen und der Ernährung mit Muttermilch. Aus diesem Grund sollten Mütter von Frühgeborenen von Anfang an ermutigt und unterstützt werden, ihr Kind mit Muttermilch zu versorgen. Manchen ist gar nicht bewusst, dass sie ihr Frühgeborenes überhaupt stillen können. Jede noch so kleine Menge zählt und kann den Grundstein für eine positive Stillerfahrung legen sowie die Entwicklung des Kindes positiv begleiten. Eine umfassende Laktationsberatung auch zu potentiellen Problemen, praktische Hilfe und ein urteilsfreies Klima sind die beste Voraussetzung für das Stillen. Die Gewissheit, dass es inzwischen viele Möglichkeiten gibt, ein Baby gesund zu ernähren, ob mit Muttermilch, Spenderinnenmilch oder bei Bedarf mit spezieller Frühgeborenen-Säuglingsnahrung, kann zusätzlich Druck und Sorgen von den Eltern nehmen.

Stillen in der Pandemie

Die COVID-19 Pandemie hat die Geburtsvorbereitung und die Neugeborenenversorgung weltweit stark beeinträchtigt. Die Herausforderungen für das medizinische Fachpersonal waren enorm und viele Schwangere sowie junge Eltern haben das Elternwerden auf eine Weise kennengelernt, wie sie es sich weder erhofft noch vorgestellt hatten. Von Vorsorgeuntersuchungen und Geburt ohne Beisein des Partners oder der Partnerin, zum stationären Klinikaufenthalt mit strikt reglementiertem Kontakt zum Kind. Nach über einem Jahr Pandemie liegen inzwischen Studien vor, die einen Rückgang der Stillraten im Zusammenhang mit den COVID-19 Schutzmaßnahmen belegen, weshalb EFCNI zur diesjährigen Welt-Stillwoche der Stillratenförderung in Coronazeiten in den Fokus ihrer Kampagne gerückt hat. Unter dem Motto Protect and Promote Breastfeeding in Times of the Pandemic (zu Deutsch “Stillen auch während der Pandemie schützen und fördern“), wird sich in der ersten Augustwoche das globale Netzwerk der Stiftung in 27 Sprachen, für Stillförderung, Aufklärung und praktische Hilfe für Mütter und Babys stark machen. Materialien zur Kampagne sind hier zum Download verfügbar: https://www.efcni.org/activities/campaigns/world-breastfeeding-week/

Beim Thema Stillen herrschte zu Beginn der Pandemie Verunsicherung, ob das Virus über die Muttermilch auf den Säugling übertragen werden könnte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich jedoch schon früh im Pandemieverlauf zu der Frage positioniert, ob vom Stillen abzuraten sei, und betont, dass die gesundheitlichen Risiken für ein nicht gestilltes Baby, die Risiken einer Virusübertragung überwiegen. [5] Die verbreitete Praxis, Eltern und Kinder in Neugeborenen Intensivstationen (NICU) zu separieren, um den Infektionsschutz des Personals und der Patienten zu gewährleisten, hatte, nach aktuellen Erkenntnissen, einen langfristigen negativen Einfluss auf die Stillraten. [6] Die Trennung von Mutter und Kind in einer solchen sensiblen Phase wirkt sich nachteilig auf den Bindungsprozess aus, was wiederum den Milchfluss hemmt und das Stillen erschwert. Auch das Tragen von Masken und Schutzkleidung im Kontakt mit dem eigenen Baby erschweren physische Nähe und somit Maßnahmen, die nachweißlich den Laktationsprozess unterstützen (z.B. Kangaroo Mother Care und Skin-to-Skin-Kontakt).

Bei Frühgeborenen, bei denen ein stationärer Klinikaufenthalt von Wochen oder sogar Monaten notwendig ist, wird mancherorts noch immer der Zugang der Eltern zu ihrem Baby reglementiert. Oftmals ist er auf die Mutter begrenzt und kann zusätzlich auch zeitlich reguliert sein. Zahlreiche Klinken im deutschsprachigen Raum haben nach anfangs strikten Kontaktsperren, mit zunehmender Kenntnis über das Coronavirus und der Wirksamkeit der sogenannten AHA-Regeln (AHA = Abstand, Handhygiene, Alltagsmaske) den Zugang zu Eltern auf der NICU im Sinne der familienzentrierten Versorgung und im Einklang mit Corona-Hygiene-Konzepten, angepasst. In vielen anderen Ländern bestehen jedoch nach wie vor Kontaktsperren und Besuchsverbote. EFCNI, die im regelmäßigen Austausch mit internationalen Elternorganisationen und medizinischen Fachgesellschaften steht, war früh über diese Missstände informiert und hat daher bereits im letzten Jahr mit ihrer globalen Initiative GLANCE (der Global Alliance for Newborn Care), die „Zero Separation. Together for better care! Keep preterm and sick babies close to their parents“ Kampagne (auf Deutsch: Niemals getrennt. Gemeinsam für eine bessere Versorgung! Frühgeborene und kranke Babys brauchen die Nähe ihrer Eltern“) gestartet und möchte auch in Pandemiezeiten auf die Dringlichkeit von familienzentrierter Versorgung hinweisen. Medizinisch gibt es nämlich, beim Einhalten von Präventionsmaßnahmen, Abstandregeln und Testkonzepten, meist keine Notwendigkeit für eine strikte Trennung von Eltern und Kind. Politische Entscheidungstragende und Verantwortliche in Kliniken und Gesundheitssystemen sollen mit dieser Kampagne zum Umdenken und Handeln aufgerufen werden. Mit dem Start der Welt-Stillwoche wird sich die Kampagne intensiv mit dem Thema Stillen und familienzentrierter Versorgung in Pandemiezeiten befassen. Informationen zur Kampagne sowie Materialien finden Sie hier: https://www.glance-network.org/covid-19/campaign/

Stillraten fördern mit Geduld und Empathie zum Wohle von Mutter und Kind

Muttermilch ist die Beste Wahl für jedes Baby, ob früh- oder termingeboren. Wenn Mutter und Kind aus medizinischen Gründen kurzzeitig nach der Geburt getrennt werden müssen oder aus gesundheitlichen oder physiologischen Gründen nicht in der Lage sind zu Stillen oder Muttermilch oral aufzunehmen, sollte frühestmöglich jede Unterstützung angeboten werden, die das Füttern von Muttermilch ermöglicht und auf ein ausschließliches Stillen des Babys abzielt. Dazu zählen Skin-to-Skin Kontakt gleich nach der Geburt und Hilfe beim Stillen oder Abpumpen in der, oder je nach körperlicher Verfassung der Mutter, in den ersten Stunden nach der Geburt. Hier gilt es zu unterstützen und Verständnis zu zeigen; Jede Frau soll für sich und ihr Baby ihren Weg finden. Zur Welt-Stillwoche möchten wir Partner, Freunde und Familie, Hebammen und Laktationsberatende dazu ermutigen, Wegbegleitende zu sein.

Autorin: Sarah Fügenschuh, Leitung Presse und Kommunikation, EFCNI

Bild-Copyright © EFCNI/Quirin Leppert (Beitragsbild), alle anderen Abbildungen © EFCNI/GLANCE

Referenzen:

[1] Ladomenou F et al. (2010) Protective effect of exclusive breastfeeding against infections during infancy: a prospective study. Arch Dis Child. 95(12):1004-1008.

[2] González-Jiménez E, García PA, Aguilar MJ, Padilla CA, Álvarez J. (2014) Breastfeeding and the prevention of breast cancer: a retrospective review of clinical histories. J Clin Nurs. Sep;23(17-18):2397-403. doi: 10.1111/jocn.12368.

[3] Parker LA, Sullivan S, Krueger C, Kelechi T, Mueller M. (2012) Effect of early breast milk expression on milk volume and timing of lactogenesis stage II among mothers of very low birth weight infants: a pilot study. J Perinatol. Mar;32(3):205-9. doi: 10.1038/jp.2011.78.

[4] Europäisches Institut für Stillen und Laktation; (2016) https://www.stillen-institut.com/de/gute-stillberatung-ist-wichtig-studie-zu-postpartalen-depressionen-bestaetigt-den-bedarf.html (28.07.2021).

[5] World Health Organization, Clinical management of COVID-19: living guideline (2021) https://www.who.int/publications/i/item/WHO-2019-nCoV-clinical-2021-1 (28.07.2021).

[6] Darcy Mahoney, A., White, R.D., Velasquez, A. et al. (2020) Impact of restrictions on parental presence in neonatal intensive care units related to coronavirus disease 2019. J Perinatol 40, 36–46  https://doi.org/10.1038/s41372-020-0753-7