Depressionen in der Schwangerschaft werden oft übersehen

Depressionen in der Schwangerschaft werden oft übersehen

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Eine Depression ist nicht einfach nur eine Traurigkeit oder Erschöpfung, die kommt und wieder geht. Einer Depression fühlt man sich ausgeliefert; die Stimmung ist gedrückt, das Interesse an allem geht verloren und der Antrieb, irgendetwas zu tun. Alltägliche Aufgaben zu bewältigen wird fast unmöglich. Selbstzweifel, Grübeln, Weinen, Schlafstörungen werden zur Normalität, und das Selbstwertgefühl sackt bis tief unter den Erdboden. Eine von fünf Schwangeren und Müttern nach der Geburt leidet an Depressionen. Und wiederum nur bei jeder fünften von ihnen wird irgendjemand darauf aufmerksam, dass das nicht normal ist.

Schwanger zu sein ist eine Situation, die sich grundlegend von allen bisherigen Lebenserfahrungen unterscheidet. Vom Beginn der Schwangerschaft an macht eine werdende Mutter zahlreiche körperliche und seelische Veränderungen durch, und zwar innerhalb kürzester Zeit. Vielen Frauen gelingt es, sich auf diese Veränderungen einzustellen und sie überwiegend als positiv zu erleben. Aber das klappt nicht immer. Manchmal erleben Frauen diese Zeit als zu einschneidend, die Aussicht auf das Baby wird jeden Tag schwerer. Mit der trüben Stimmung und dem Grübeln wachsen die Selbstvorwürfe, weil man sich ja auf das Baby eigentlich freuen soll. Alles scheint zu schwarz, zu drückend, um die Situation Tag für Tag zu bewältigen. Auch dann, wenn sich eine Frau unbedingt ein Baby gewünscht hat, ist das keine Garantie dafür, dass das Glück die ganze Schwangerschaft hindurchträgt.

Verletzt, angstvoll, einsam?

Wenn es ungeheilte Wunden und Verletzungen, Verlassenheit, Ängste und Streit aus dem bisherigen Leben gibt, dann ist die Gefahr besonders groß, dass die Lebenskraft nicht reicht für die Schwangerschaft. Auch wenn Unterstützung durch Familie und Freunde und vor allem eine stabile und liebende Partnerschaft fehlen, ist das eine große Belastung für die seelische Gesundheit. Und wenn früher schon eine Depression aufgetreten ist oder eine andere seelische Erkrankung, dann lässt die Schwangerschaft diese Vorerkrankungen oft neu ausbrechen.

Depression? Mit zwei Fragen zur Diagnose

Es gibt zwei einfache Fragen, mit denen Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Schwangere selbst feststellen kann, ob sie einfach nur eine schlappe Phase hat oder an einer Depression erkrankt ist: Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos? Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Hilfe holen, solange die Kraft noch reicht

Wenn nicht nur eine, sondern beide Fragen mit Ja beantwortet werden, ist es Zeit, sich Hilfe zu holen. Und zwar bald, solange die Kraft dazu noch reicht. Das kann die Frauenärztin oder der Frauenarzt in der Praxis sein, in der die Schwangerenvorsorge stattfindet. Oder die Hebamme, bei der die Geburtsvorbereitung stattfindet. Oder die Hausärztin. Irgendjemand, der zuhört, die Situation begreift und nicht einfach mit „das wird schon wieder“ reagiert. Das Bundesfamilienministerium hat ein ganz hervorragendes Informations- und Hilfsangebot für Schwangere, denen alles über dem Kopf zusammenschlägt. www.schwanger-und-viele-fragen.de heißt das Portal, und es bietet unter der Nummer 0800-4040020 sogar eine Telefon-Beratung an.

Depression in der Schwangerschaft: Für sich selbst sorgen

Für sich selbst zu sorgen ist ein weiterer wichtiger Baustein, um sich gegen den Druck, die Dunkelheit und die Freudlosigkeit zu wehren. Denn manchmal gelingt es einfach nicht, zwischen all den Ansprüchen, Anforderungen, Sorgen, Ge- und Verboten die richtige Mitte und Ruhe zu finden. Das allein kann schon zu einem überbordenden Stress und direkt in die Erschöpfung und Depression führen. Kleine Inseln der inneren und äußeren Entspannung zu finden, das mag manchmal unmöglich erscheinen, ist aber ein wichtiger Baustein gegen die Depressivität.

Eisen, Schilddrüse, Tageslicht

Manchmal hilft es, erst mal auf ein paar medizinische Sachen zu sehen. Eisenmangel zum Beispiel kann eine grauenhafte Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen verursachen. Jede Anstrengung wird zu viel, jeder Handgriff zu schwer. Eisenmangel kann leicht diagnostiziert werden, weil dann die Zahl der roten Blutkörperchen absinkt, die den Sauerstoff durch den Körper transportieren sollen.

Auch eine Erkrankung der Schilddrüse kann in der Schwangerschaft neu auftreten und sich ganz ähnlich anfühlen wie eine Depression. Vielleicht fehlt auch Sonnenlicht. Menschen mit einer Winterdepression können ein Lied davon singen. Deshalb gilt es, in den hellen Monaten so viel Tageslicht, wie nur möglich, in die Seele zu lassen, um die dunkle Zeit zu überstehen. Ob Vitamin D gegen Winterdepressionen hilft, dazu wird viel geforscht. Bewiesen ist das allerdings nicht. Tageslicht hilft jedenfalls immer.

Oft hilft es schon, das Elend einer Depression zu teilen

Zurück zu den Depressionen, bei denen es nicht so einfach ist. Oftmals hilft es schon, das schwarzgraue Elend und die steinschwere Last mit jemandem zu teilen. Mit ein bisschen Glück und Engagement kann vielleicht sogar eine Kurz-Psychotherapie klappen. Die Erfolge solcher Therapien sind jedenfalls ziemlich gut. Frauenärztinnen und -ärzte, Hebammen und Geburtskliniken kennen oft ein weites Netz an solchen Hilfsangeboten und wissen, wohin man sich wenden kann.

Auch Arzneimittel helfen als Brücke

Arzneimittel sind natürlich verboten, wenn sie durch die Plazenta zum Baby gelangen oder sogar das Baby schädigen können. Das gilt vor allem für Lithium. Moderne Arzneimittel gegen Depressionen, die die Konzentration des Glückshormons Serotonin im Gehirn erhöhen, sind dagegen ab dem vierten Schwangerschaftsmonat erlaubt. Sie helfen oft gut über die schlimmsten Phasen hinweg. Auf www.embryotox.de steht, welche Medikamente in der Schwangerschaft bei Depressionen nicht angewendet werden dürfen, und bei welchen keine Gefahr besteht.

Denn keinen Antrieb mehr für irgendetwas zu haben, das ist in der Schwangerschaft gar nicht gut. Nicht nur, dass es anstrengend wird, herauszugehen, sich genug zu bewegen, sich gesund zu ernähren. Schwangere, die unter schweren Depressionen leiden, nehmen seltener die Termine für die Schwangerenvorsorge wahr, sodass Komplikationen leichter übersehen werden können. Und sie haben auch keine Kraft, schnell zu reagieren, wenn mit der Schwangerschaft irgendetwas nicht mehr in Ordnung ist. Blutungen, ein steigender Blutdruck, ein vorzeitiger Blasensprung oder andere Komplikationen – da ist es besser, wenn die Kraft noch reicht, um in die Sprechstunde oder in die Klinik zu fahren.

Eine Depression ist jedenfalls eine Krankheit. Sie ist kein Charakterfehler und kein Zeichen von Faulheit oder Schwäche. Und deshalb ist es völlig richtig, sich Hilfe zu holen, um aus diesem dunklen Loch irgendwann wieder herauszukommen.

Über den Babyblues oder postpartale Depression haben wir zuletzt vor zwei Jahren einen Blogbeitrag geschrieben. Da kommt aber bald ein neuer Beitrag!

Autorin: Dr. Susanna Kramarz

Bild-Copyright © Anthony Tran / Unsplash