Der digitale Mutterpass kommt – wahrscheinlich schon 2022

In Zukunft gibt es den Mutterpass als App auf dem Smartphone.

Jede Schwangere und jede Mama hat ihn, den blauen Mutterpass, in dem die ganze Schwangerschaft vom Anfang an dokumentiert wird, die Wachstumskurven, die Geburt und das Wochenbett. Aber wenn alles so geht wie geplant, dann wird damit über kurz oder lang Schluss sein. Denn die Krankenkassen und die Ärzte bereiten nicht nur die elektronische Patientenakte (ePA) vor: In ihr sollen künftig die Versicherten, wenn sie sich in ihrem Krankenkassenportal eingeloggt haben, selbst Einsicht nehmen können in alle ihre Krankendaten, die die Ärzte an die Krankenkassen übermitteln.

Elektronische Krankschreibung, elektronischer Impfpass

Auch die elektronische Krankschreibung soll noch in diesem Jahr kommen. Dann wird der gelbe Krankenschein nicht mehr per Post an den Arbeitgeber geschickt, sondern die Krankschreibung wird direkt aus der Praxis elektronisch in die Krankenkasse übermittelt, und die meldet die Arbeitsunfähigkeit dann an den Arbeitgeber. Und auch der gelbe Impfpass wird in Zukunft einen digitalen Bruder bekommen, der den Pass irgendwann ablösen soll. Vieles ist noch unklar, viele Fragen offen. Aber die Richtung ist ganz deutlich vorgegeben.

Auf einem großen Kongress für Frauenärztinnen und -ärzte, dem FOKO, der in diesem Jahr wegen der Pandemie komplett digital veranstaltet wurde, wurde am 4. März 2021 intensiv über die anstehenden Veränderungen diskutiert[1]. Als Experte war Dr. rer. med. Florian Fuhrmann eingeladen, Geschäftsführer der kv.digital GmbH. Diese Firma bereitet im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung derzeit den Umzug der ärztlichen Patientenverwaltung und aller ärztlichen Dokumente und Befunde in die digitale Welt vor.

Mutterpass als App auf dem Handy

Was den digitalen Mutterpass angeht, so stellen sich die Experten das folgendermaßen vor: Die Schwangere lädt sich den Mutterpass als App aus dem Portal ihrer Krankenkasse herunter – technisch wird jede Krankenkasse dafür eine eigene Lösung entwickeln. Der E-Mutterpass wird auf ihrem Handy oder ihrem Computer ganz genauso aussehen wie derzeit der gedruckte Mutterpass. Die Untersuchungs-Ergebnisse, die in der Mutterschaftsvorsorge in der Frauenarztpraxis erhoben werden, sollen dann direkt aus der EDV der Praxis in den digitalen Mutterpass übertragen werden. Wenn die Schwangere zu anderen Ärzten oder in die Klinik überwiesen wird, kann auch dort direkt der Mutterpass aufgerufen werden, und alle Daten können ausgelesen werden.

Der Vorteil wäre, dass es dann egal ist, ob die werdende Mama ihren Mutterpass dabei hat, oder ob sie ihn vielleicht ganz verloren hat. Die Daten gehen dadurch nicht mehr verloren und können in der Arztpraxis oder Klinik immer sofort aufgerufen werden. Die Schwangere selbst kann den Mutterpass auf ihrem Handy oder am PC ansehen und natürlich auch anderen Personen zeigen, zum Beispiel einer Hebamme, wenn sie sich auf die Geburt vorbereitet.

Gedruckter Mutterpass plus App – das geht nicht

Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Nachteilen. Der erste ist, dass sich die Frau entscheiden muss – digital oder Papier. Beides zusammen geht nicht.

Der zweite Nachteil: Da die Hebammen derzeit noch nicht an die Telematik-Systeme mit den Krankenkassen angebunden sind, können sie selbst keine Werte eintragen. Frauen, die sich ausschließlich von einer Hebamme betreuen lassen, würden dann weiter den klassischen gedruckten Mutterpass verwenden. Auch die Einbindung der privaten Krankenversicherungen in dieses System wird derzeit erst vorbereitet, und das bedeutet, dass sich das noch hinziehen kann.

Der digitale Mutterpass ist nicht reisefähig

Ein weiterer Nachteil ist, dass die digitalen Systeme, die für die Kommunikation zwischen Ärzten und Krankenkassen in Deutschland derzeit aufgebaut werden, nicht für ärztliche Behandlungen im Ausland verwendet werden können. Wenn eine Schwangere im Ausland reist, hätte sie im Ernstfall ihren Mutterpass nur auf ihrem Handy dabei, auf dem die Ärzte die bisherigen Befunde aus der Schwangerschaft finden könnten.

Und außerdem ist noch ganz unklar, wie es geregelt werden soll, wenn eine Frau während der Schwangerschaft oder vielleicht auch danach die Krankenkasse wechselt. Verliert sie mit dem alten Zugang zu ihrer bisherigen Krankenkasse dann vielleicht auch ihren digitalen Mutterpass?

Wie lange sind die Daten haltbar?

Es ist auch noch nicht entschieden, wie lange die Daten im digitalen Mutterpass aufbewahrt werden. Den Papier-Mutterpass bewahren viele Frauen ihr Leben lang auf. Aber die gesetzlichen Regelungen sehen normalerweise vor, dass Patientendaten nach Ablauf bestimmter Fristen gelöscht werden müssen. Es könnte also sein, dass irgendwann festgelegt wird, dass die Daten aus dem Mutterpass zehn Jahre nach dem letzten Eintrag einfach aus der App verschwinden, wenn nicht die App durch viele Updates sowieso irgendwann gar nicht mehr in der Lage ist, die früheren Daten überhaupt noch zu lesen.

Und zuletzt: Im bisherigen Mutterpass-Heft werden meistens auch die Ultraschallbilder gesammelt und Briefe und Befunde zum Beispiel aus Untersuchungen in Kliniken oder Spezialpraxen. Der elektronische Mutterpass wird dazu keine Möglichkeit haben. Weder die Schwangere selbst noch die Ärzte können in dieser Anwendung irgendetwas ablegen, was auch nur einen Millimeter außerhalb der Reihe wäre. „Es wird eine Kommentarfunktion geben“, so Fuhrmann. Aber hier werde vermutlich nur eingetippter Text Platz finden, keine Dokumente und keine externen Befunde.

Nicht ohne meinen Mutterpass…

Dass die Umstellung auf den E-Mutterpass vielleicht nicht so glatt gehen wird, wie es sich die Digital-Experten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung denken, vermutet auch Dr. Fuhrmann selbst: Der Experte berichtete bei seinem Vortrag, dass er vier Kinder hat. Und als er seine Frau fragte, ob sie sich vorstellen könnte, ihre beiden Mutterpässe – in jedem Mutterpass können die Daten von zwei Schwangerschaften eingetragen werden – durch eine Handy-Variante zu ersetzen, war ihre Antwort „definitiv niemals“.

Das klingt alles, als ob das Konzept noch nicht ganz ausgereift sei, und als ob es mehr Nachteile als Vorteile bringen könnte, selbst dann, wenn eine schwangere Frau es eigentlich sehr praktisch findet, den Mutterpass als App auf ihrem Handy immer dabei zu haben. Wir werden sehen. Im Moment ist geplant, dass die Frau sich am Anfang ihrer Schwangerschaft aussuchen soll, ob sie den Mutterpass als blaues Heft oder als App führen möchte. Und dann wird die Praxis zeigen, ob sich die digitale Variante bewährt oder ob der seit 60 Jahren bewährte Mutterpass zum Anfassen vielleicht eine bessere Fähigkeit zum Überleben hat als ihm manche das heute zutrauen.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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[1] FOKO 2021 100% digital, 04.03.2021. 3. Hauptthema Digitalisierung/ E-Healtz. Dr. rer. med. Florian Fuhrmann, ePA, eAU, KIM, MIO – Wegweiser durch den Digitalisierungsdschungel.