Sie haben immer ein bisschen Kopfschmerzen, sie fühlen sich schnell schlapp, sind blass? Das könnte Eisenmangel sein!

Eisenmangel – den hat das ungeborene Baby auch

Sie haben immer ein bisschen Kopfschmerzen, sie fühlen sich schnell schlapp, sind blass? Ihre Frauenärztin wiegt bedenklich den Kopf, weil Sie zu wenige rote Blutkörperchen haben und möchte, dass Sie Eisentabletten verwenden? Und Sie denken: Eisenmangel? Ach Unsinn, das stehe ich durch? Achtung, Stopp. Was Ihnen fehlt, fehlt Ihrem Baby erst recht. Und was das bedeutet, darum soll es in diesem Blogbeitrag gehen.

Eisen, Blut, Schlapp sein – wie hängt das eigentlich alles zusammen? Versuchen wir von vorn anzufangen. Wenn wir einatmen und Sauerstoff durch unsere Lungen in unser Blut aufnehmen, dann „bitzelt“ das nicht wie Gasblasen im Mineralwasser durch unsere Adern. Sondern wir haben in unserem Blut die sogenannten roten Blutkörperchen (im Fachbegriff: Erythrozyten). Die sind eigentlich erst mal farblos. Aber sie sind angefüllt von sehr großen Eiweiß-Molekülen, den Hämoglobinen. Jedes einzelne Hämoglobin besteht aus vier kompliziert gewundenen Protein-Knoten, in deren Mitte jeweils sozusagen das Herz sitzt – ein einzelnes Eisen-Atom.

Eisen ist hungrig nach Sauerstoff

Wissen Sie, was mit reinem Eisen passiert, wenn es mit Sauerstoff aus der Luft reagiert? Man kann das mit Eisenwolle am besten probieren, und vielleicht haben Sie das sogar im Chemieunterricht mal gemacht: Man entzündet das Knäuel Eisenwolle an einer Ecke, und dann brennt sie mit einer hellen Flamme ab. Am Ende ist es noch dieselbe Eisenwolle, aber sie ist schwarz geworden und um einiges schwerer: Sie hat Sauerstoff aufgenommen, ist oxidiert.

Das Eisen, das in dem Hämoglobin eingewickelt ist, befindet sich in einem hungrigen Zustand. Es sucht genauso wie die Eisenwolle nach Sauerstoff. Fließt es in den feinen Blutgefäßen der Lunge entlang, kommt es in Kontakt mit dem sauerstoffhaltigen Gewebe der Lungenbläschen. An jedem einzelnen Eisen-Atom im Hämoglobin kann sich in diesem Moment genau ein Sauerstoff-Atom anbinden. Dabei verändern das Hämoglobin und die roten Blutkörperchen ihre Farbe: Sie sind nicht mehr dunkelrot, sondern hellrot.

Die roten Blutkörperchen, angereichert mit Sauerstoff, strömen dann zurück in den Körper und verteilen den Sauerstoff genau dort, wo er gebraucht wird. Hat das Hämoglobin den Sauerstoff an die Zellen abgegeben, wird es dunkler. Das dunkle Blut fließt in den Venen zurück zum Herzen und in die Lungen, und der Kreislauf beginnt von vorn.

Eisenmangel: zu wenig Blut, zu wenig Sauerstoff, zu wenig Muskelkraft

Wenn man zu wenig Eisen im Körper hat, dann kann der Körper weniger Hämoglobin bilden. Die Menge des Hämoglobins im Blut (Hb-Wert) und der Anteil der roten Blutkörperchen im Blut (Hämatokrit-Wert) sinkt. Man spricht dann von einer Blut-Armut, einer Anämie. Gibt es im Blut zu wenig Hämoglobin, dann kann auch aus den Lungen weniger Sauerstoff in den Körper gelangen, als eigentlich notwendig wäre. Da auch die Muskelzellen Eisen und Sauerstoff brauchen, um zu arbeiten, befinden sich Muskeln und Blut in einer Konkurrenzsituation. Zuwenig Eisen im Blut bedeutet dann auch zu wenig Eisen und Sauerstoff in der gesamten Muskulatur. Es ist ganz offensichtlich, dass die körperliche Leistungsfähigkeit bei Eisenmangel in den Keller geht. Man ist schneller müde, und der ständige Sauerstoffmangel führt zu Kopfschmerzen, Kreislaufproblemen bis hin zur Unfähigkeit, überhaupt irgendetwas zu schaffen.

Eisenmangel kann entstehen durch zu wenig Eisen in der Nahrung, vorwiegend bei Vegetarierinnen. Und durch Blutverluste. Es reicht auf Dauer schon, eine mittelstarke bis starke Menstruationsblutung zu haben. Frauen haben in den Jahren, in denen sie ihre Regelblutung haben, fast immer einen niedrigeren Eisenspiegel und weniger rote Blutkörperchen als Männer. Wenn dann noch Blutverluste durch eine Verletzung oder eine Krankheit hinzukommen, kann irgendwann die Leistungsfähigkeit ganz und gar zusammenbrechen.

Die Plazenta ist ein intelligentes Sieb

Jetzt aber zur Schwangerschaft. Zwischen dem Blutkreislauf des ungeborenen Babys und dem der Mutter liegt die Plazenta. Sie ist eine Art intelligentes, aber ziemlich dichtes Sieb. Zellen können unmöglich von der Mutter zum Baby gelangen (es sei denn Krankheitserreger, aber über die sprechen wir ein anderes Mal). Große Moleküle können das auch nicht – es sei denn, sie würden aktiv durch die dünne Trennschicht transportiert, was aber auch nicht die Regel ist. Letztlich muss das Baby so gut wie alles selbst herstellen. Nur die Mini-Baustoffe dafür gelangen durch die Plazenta hindurch, also Wasser, kleine Moleküle aus Eiweiß, Fetten und Zucker, Spurenelemente, Vitamine. Und Sauerstoff.

Das ungeborene Baby baut sich sein Hämoglobin selbst…

Aber wie soll das dann funktionieren, dass der Sauerstoff aus dem Hämoglobin der Mutter in das Blut des Babys hinübergeht? Nun, bevor das passiert, muss das Baby – und zwar schon sehr, sehr früh, in den allerersten Wochen seines Daseins – eigenes Blut bilden mit eigenen Blut-Proteinen. Das sind zunächst nur Vorläufer des Hämoglobins. Aber nach der 14. Woche kann das blutbildende System des kleinen Embryos eigenes Hämoglobin bilden. Das enthält zwar auch vier Proteinknäuel mit je einem Eisen-Atom in der Mitte. Aber es ist etwas anders aufgebaut, und das Eisen in dem Hämoglobin des Babys ist noch viel gieriger nach Sauerstoff als das seiner Mama.

… und bekommt den Sauerstoff aus dem Blut der Mama

Während also in der Plazenta, nur getrennt durch mikrobisch dünne Zellschichten, die roten Blutkörperchen der Mutter und des Babys aneinander vorbeischwimmen, holt sich das Hämoglobin des Babys Sauerstoff aus dem Hämoglobin seiner Mama. Dann fließt dieses mit Sauerstoff angereicherte Blut durch die Nabelschnur zum Embryo selbst und versorgt dort alle Zellen mit Sauerstoff. Das ist die Grundlage für jede Entwicklung und jedes Wachstum. Bevor das funktioniert, muss durch die Plazenta natürlich erst mal Eisen zum Baby gelangt sein und alle Bausteine, um den roten Blutfarbstoff überhaupt zu bauen.

Eisenmangel – doppelte Folgen für das Baby

Was aber passiert, wenn die Mama einen Eisenmangel hat? Eigentlich muss ich an dieser Stelle schon gar nicht mehr weiterschreiben. Denn das, was jetzt folgt, liegt auf der Hand. Wenn im Blut der Mutter zu wenig Eisen als Baustoff herumschwimmt, dann kann sie selbst nicht genug Hämoglobin bilden. Sie befindet sich dann selbst in einem dauernden Zustand eines leichten Sauerstoff-Mangels. Und es kann dann auch nicht genug Eisen zum Baby gelangen. Dann wird das Baby nicht genug Hämoglobin bilden und wird zusätzlich nicht genug Sauerstoff aus dem Blut seiner Mutter holen können. Und die Mama hat sowieso schon zu wenig Sauerstoff. Das Baby hat dann also eine doppelte Mangelsituation – selbst zu wenig Hämoglobin und dann auch noch mit zu wenig Sauerstoff von seiner Mama versorgt.

Zu klein, zu früh – oder eine Fehlgeburt….

Wenn es ganz ausgesprochen gut geht, dann wird das Baby nur ein wenig zu klein geraten oder kommt um einige Wochen zu früh zur Welt. Es kann aber auch passieren, dass das Gehirn sich wegen des Mangels an Sauerstoff nicht richtig entwickeln kann. Babys, die nach einer schweren Eisenmangel-Schwangerschaft geboren werden, haben häufiger bleibende Gehirnschäden. Oder das Baby überlebt den chronischen Sauerstoffmangel nicht – es kommt zu einer Fehlgeburt.

Eisenmangel in der Schwangerschaft – unbedingt beheben

Zurück zu unserer Einleitung. Eisenmangel in der Schwangerschaft ist keine ärztliche Panikmache. Er stellt eine echte Gefahr für das Baby dar, und dabei haben wir viele andere Folgen des Eisenmangels hier noch gar nicht ausgeführt. Und wenn schon die Werte für Eisen und Hämoglobin zu niedrig sind, dann ist es auch um Jahre zu spät, um allein mit der Ernährung für die aktuelle Schwangerschaft irgendetwas zu erreichen. Denn dann würden als Erstes nach und nach die Speicher bei der Mama wieder gefüllt, aber das Baby wäre noch lange nicht dran. Nein, in diesem Fall müssen Eisentabletten her, oder auch Infusionen mit Eisen. Infusionen gehen schneller, und nach Eisen-Infusionen hat man auch nicht so häufig Verstopfung.

Und zuletzt noch: Verwenden Sie nicht die Eisenpräparate aus dem Drogeriemarkt. Es muss schon das „richtige“ Eisen sein, und das gibt es in dieser Situation ohnehin auf Rezept und aus der Apotheke.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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