Fitness: Mehr Bewegung, kürzere Geburt

Die beste Nachricht für alle Schwangeren gleich am Anfang: Es muss nicht immer Sport sein. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen versucht wurde, einen Zusammenhang zwischen Sport oder Nicht-Sport und irgendwelchen Faktoren rund um die Geburt herum herzustellen, haben einen sehr großen Denkfehler. Sie vergessen Frauen, die Kinder, Haus, Haushalt und Garten versorgen. Sie vergessen Frauen, die Angehörige pflegen. Sie vergessen Kranken- und Altenpflegerinnen, Frauen die im Gastgewerbe, als Reinigungskraft, in der Landwirtschaft oder wo auch immer von morgens bis abends am Heben, Tragen und Rumrennen sind, und die abends einfach nur noch tot ins Bett fallen.

Geh mir weg mit Sport, dazu habe ich weder Zeit noch Kraft, sagen alle diese Frauen zu Recht. Sie würden in vielen Befragungen als Nicht-Sportlerinnen eingestuft und mit echten Couch-Potatoes in die gleiche Schublade gesteckt.

Mit Couch-Potatoes in der gleichen Schublade?

Deshalb ist es besonders erfreulich, wenn mal eine wissenschaftliche Studie daherkommt und es anders macht. So haben es die Frauenärztin Virginia Watkins von der Washington University School of Medicine in St. Louis, Montana (USA) und ihre Mit-Autorinnen und Autoren getan. Sie wollten untersuchen, ob körperliche Bewegung während der Schwangerschaft sich in irgendeiner Weise auf die Geburt auswirkt. Dafür haben sie nicht einfach gefragt „Sport ja – nein – wieviele Stunden pro Woche“. Sondern sie haben ein ziemlich aufwändiges Instrument für die Befragung der Schwangeren gewählt, den „Kaisers Physical Activity Survey“, auf Deutsch „Kaisers Körperliche Aktivitäts-Übersicht“, abgekürzt KPAS.

Ein spannendes Stück Gendermedizin

Die Geschichte dieses sehr spannenden Befragungs-Instruments reicht weit zurück und ist ein kleines Lehrstück in Gendermedizin. Benannt ist es nach Kaisers Permanente, ein Unternehmen, das im Jahr 1945 in den USA von dem Arzt Sidney Garfield und dem Unternehmer Henry Kaiser gegründet wurde. Ziel war es, ein System der Gesundheitsvorsorge zu schaffen. Mit den finanziellen Mitteln des Gründers und durch eine furiose Weiterentwicklung ist es heute aus dem Gesundheitssystem der USA nicht mehr wegzudenken. Die Institution stieß und stößt bis heute viel Forschung an. Ziel ist es unter anderem, die Auswirkungen der Lebensführung auf Gesundheit und Krankheit zu erforschen. Für diese Forschung gab es schon früh ein Instrument, um die körperliche Bewegung, die im Lauf einer Woche zusammenkommt, zu bewerten und addieren zu können. Es handelt sich dabei um den sogenannten Baecke-Fragebogen, der nicht nur nach Sport, sondern auch nach anderen körperlichen Aktivitäten fragte.

Die Forscher hatten ursprünglich nur Männer als Patienten im Kopf

Der Namensgeber dieses Fragebogens, der niederländische Ernährungswissenschaftler Jos A. H. Baecke und seine Kollegen, die das Konzept in den 70er Jahren entworfen und Anfang der 80er Jahre erstmals veröffentlichten, hatten aber nur Männer und eine „männliche“ Lebensweise in ihrem Kopf. Die typischen Tätigkeiten von vielen Frauen, die ebenfalls mit diesem Fragebogen-Instrument befragt wurden, wie Haushalt und Kinderbetreuung, kamen gar nicht vor. Das fiel bei Untersuchungen der Kaisers Permanente auf. Und das führte unter der Federführung der Sportwissenschaftlerin Barbara Sternfeld zusammen – natürlich eine Frau – zu einer Weiterentwicklung des „männlichen“ Baecke-Fragebogens zu einem „weiblichen“ Kaisers-Fragebogen, der erstmals Ende der 90er Jahre publiziert und angewandt wurde. Natürlich engagieren sich auch Männer in Haushalt, Kinderversorgen und Pflege. Aber dieser Blick fehlte einfach in den früheren Fragebogen-Konzepten.

Neuer Fragebogen sieht den Alltag aus der Frauenperspektive

Der KPAS enthält über 38 Fragen zu Hausarbeit, zur Betreuung von Kindern und von älteren, pflegebedürftigen Angehörigen, zu Erwerbstätigkeit, zu aktiven Lebensgewohnheiten, Sport und Freizeitaktivitäten. Es wird nach der Intensität pro Tag und der Häufigkeit pro Woche gefragt, und jede Aktivität bekommt ein bestimmtes Gewicht. 0 bedeutet überhaupt keine Aktivität die ganze Woche über. 20 ist der Höchstwert und bedeutet erhebliche körperliche Anstrengung von morgens bis abends an sieben Tagen pro Woche.

Nun also, nach dieser langen Einführung, zurück zu unserem ganz aktuellen Anlass. Virginia Watkins und ihr Team – 7 Frauen und ein Mann – wollten wissen, wie sich körperliche Bewegung und Fitness auf den Verlauf der Geburt auswirkt. Sie nahmen dazu über 800 Frauen in ihre Untersuchung auf. Von diesen Frauen lag über das gesamte dritte Trimester hinweg, also etwa ab der 27. Woche, für jede Woche ein vollständig ausgefüllter KPAS-Fragebogen vor. Sie maßen die Dauer der Eröffnungsphase und die Dauer der Austreibungsphase. Sie zählten Kaiserschnitte, Entbindungen mit Zange oder Glocke und Geburtsverletzungen.

Der mittlere KPAS-Score bei allen Schwangeren lag in den zwölf Wochen bis zur Geburt bei 9,5, was ziemlich viel ist. Jede vierte Schwangere hatte einen höheren Level an Aktivität. Verglichen wurden die aktivsten 25% der Studienteilnehmerinnen mit allen anderen.

Fitte Frauen haben eine kürzere Geburt

Dabei zeigte sich zweierlei: Die Eröffnungsphase dauerte bei den Frauen, die eine hohe körperliche Belastung hatten, mit durchschnittlich 5 Stunden und 45 Minuten. Sie war damit um fast zwei Stunden kürzer als bei den Frauen, die sich im Verlauf der Schwangerschaft weniger angestrengt hatten: Bei ihnen dauerte diese Geburtsphase im Durchschnitt fast 7h 30 Minuten. Auch die Dauer der Austreibungsphase war mit einer knappen Stunde in der „fitten“ Gruppe um eine halbe Stunde kürzer als bei den weniger aktiven Frauen. Aber aus statistischen Gründen war dieser Unterschied nicht signifikant. Kaiserschnitte, operative Entbindungen und Geburtsverletzungen waren in beiden Gruppen gleich häufig.

Die Ergebnisse dieser Studie, die in dem angesehenen American Journal of Obstetrics and Gynecology im letzten Monat online publiziert wurde, sind in zweierlei Hinsicht wunderbar. Erstens braucht es keine Extrazeit für Sport, um gut vorbereitet für die Geburt zu sein. Es reicht aus, wenn der sonstige Alltag schon körperlich anstrengend ist. Und zweitens verkürzt diese Alltags-Fitness, sofern sie bis zum Ende erhalten bleibt, die Geburt. Wenn das nichts ist.

Umgekehrt bedeutet das natürlich auch, dass eine Schwangerschaft in selbst auferlegtem Schongang dazu führen kann, dass die Geburt länger dauern kann als sie müsste. Sollten Sie also keinen wesentlich anstrengenden Alltag haben und auch keine Bewegung in Ihrer Freizeit, dann wäre vielleicht heute ein guter Tag, das zu ändern.

Meint Ihre Blog-Autorin

Dr. Susanna Kramarz

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