Gegen Corona impfen in der Schwangerschaft – schön wär’s

Corona-Impfung für Schwangere? Da ist noch Geduld gefragt.

„Alle Schwangeren sollen jetzt gegen Corona geimpft werden“ schreiben derzeit viele Medien. Denn vor einigen Tagen haben elf Fachgesellschaften und Organisationen aus der Frauenheilkunde und Geburtshilfe eine dringliche Empfehlung herausgegeben, in der es heißt, dass Covid-19 in der Schwangerschaft gefährlich ist, dass die Impfung kein Risiko darstellt und dass damit alles gesagt sei: Ab zum Impftermin.

Aber Stopp. Das ist nicht so einfach. Das Papier meint gar nicht die Schwangeren, und es meint auch gar nicht die Frauenärztinnen und -ärzte. Es meint eigentlich die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut. Diese Kommission besteht aus Ärztinnen und Ärzten aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die ständig die neuen Erkenntnisse über Impfungen, Nutzen und Schaden diskutieren und dann entscheiden, welche Regeln in Deutschland gelten sollen. Die Kommission entscheidet über die Impfungen für Kinder, für Senioren, und derzeit auch darüber, welche Menschen mit welchem Impfstoff gegen eine Infektion mit SARS-CoV2 geimpft werden können und sollen.

Die Empfehlung meint nicht die Schwangeren, sondern das Robert-Koch-Institut

Diese Kommission, so ist die Aufforderung der Fachgesellschaften, soll sich bitteschön umgehend damit beschäftigen, die Corona-Impfung auch für alle Schwangeren zu empfehlen. Denn es ist bekannt aus Deutschland, aus den USA, aus Großbritannien und anderen Ländern, dass Covid-19 bei Schwangeren zwar meist harmlos verläuft, in seltenen Fällen aber – und zwar häufiger als bei gleichaltrigen Frauen, die nicht schwanger sind – schwer verläuft, bis hin zur Intensivstation, zur künstlichen Beatmung, bis hin zum Kaiserschnitt und zur Frühgeburt, weil eine Beatmung plus Schwangerschaft nicht möglich ist.

Friedliches Immunsystem in der Schwangerschaft

Warum das so ist, das liegt am Immunsystem während der Schwangerschaft. Bei Grippe-Erkrankungen kennt man dasselbe Phänomen: Das Immunsystem ist während der Schwangerschaft herunterreguliert, damit das Baby nicht als Fremdkörper erkannt und abgestoßen wird. Denn der genetische Schatz des Babys besteht nur zur Hälfte aus den Chromosomen der Mutter, zur anderen Hälfte aus den Erbanlagen des Vaters, und seine Proteine sind deshalb eigentlich für das Immunsystem verdächtig. Also hat die Natur es so eingerichtet, dass das Immunsystem der Mutter während der Schwangerschaft ein bißchen friedlicher eingestellt ist als sonst.

Das bedeutet, dass Infektionen wie Grippe oder auch Covid-19 zwar bekämpft werden, aber ein bißchen anders und „sanfter“ als normal. Das bedeutet auch, dass es oftmals weniger Krankheitssymptome gibt. Denn Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sind typische Zeichen dafür, dass die Immunzellen in der Auseinandersetzung mit den Krankheitserregern mit Vollgas ihr Bestes geben.

Bisher 78 Schwangere auf der Intensivstation

Zurück zur Schwangerschaft. In wenigen Fällen schafft das Schwangeren-Immunsystem es nicht, auf seine gemütliche Weise mit den krankmachenden Viren fertigzuwerden. Dann kippt das System, und dann kann die Krankheit sehr schnell sehr schwer werden: Bei einer Grippe-Infektion treten dann heftige Lungenentzündungen auf, starke Atem- und Luftnot. Und bei Covid-19 – natürlich auch. Von den knapp 2000 Schwangeren, die mit einer Covid-19-Infektion bisher in Deutschland in einem Krankenhaus behandelt werden mussten, mussten 78 auf die Intensivstation verlegt werden. Das ist viel mehr als bei gleichaltrigen, nicht-schwangeren Frauen.

Um vor solchen schweren Komplikationen zu schützen, wäre es gut, wenn Frauen schon vor der Schwangerschaft gegen SARS-CoV2 geimpft wären, oder vielleicht auch während der Schwangerschaft. Bisherige Auswertungen aus den USA mit über 10.000 geimpften Schwangeren – mit einem mRNA-Impfstoff – haben gezeigt, dass die Impfung gar keine Risiken und schädliche Nebenwirkungen hat, weder für die Mama noch für das Baby.

Trotz allem – Studien müssen sorgfältig geprüft werden

Aber diese Studien müssen sorgfältig geprüft werden. Kann wirklich ausgeschlossen werden, dass die Impfung vielleicht in seltenen Fällen doch irgendetwas in der Schwangerschaft ungünstig beeinflusst? Das ist gar nicht so einfach festzustellen. Deshalb muss sich die Ständige Impfkommission die nötige Zeit lassen, um die Studien und Publikationen weltweit sehr gründlich zu studieren und zu diskutieren.

Irgendwann wird die Kommission dann hoffentlich zu dem Schluss kommen, dass für die Impfung in der Schwangerschaft grünes Licht gegeben werden kann. Diese Empfehlung wird dann noch offiziell in die Priorisierungen übernommen werden. Dann und wirklich erst dann lohnt es sich, bei der Frauenärztin oder dann natürlich auch beim Impfzentrum und über die 116117-Homepage nach einem Termin zu fragen.

Derzeit ist Drängen sinnlos

Vorher hat es keinen Sinn zu drängen. Keine Frauenärztin, kein Frauenarzt kann einfach so impfen, weil sie oder er das gut findet. Selbst wenn Sie noch so sehr darum bitten, wenn Sie zehn Einverständnis- und Aufklärungsbogen unterschreiben – es geht nicht.

Bis die lang erhoffte Impf-Empfehlung der STIKO kommen wird, heißt es also weiter sich vor einer Infektion so gut wie möglich schützen, weiter Maske tragen, weiter Abstand halten, weiter Kontakte reduzieren. Besonders für Schwangere, die Kinder im Kindergarten- oder Schulalter haben, ist das oft unmöglich. Aber selbst wenn das Virus Sie doch noch erwischt – von den über 800.000 Frauen, die zwischen März 2020 und Mai 2021 in Deutschland schwanger waren und sind, wurden nur wenig mehr als 2000 durch eine Corona-Infektion so krank, dass sie vorübergehend in ein Krankenhaus mussten. Das sind weniger als 0,5%. Und nur 78, also zehn von 100.000 Frauen, mussten auf die Intensivstation. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auch in der Schwangerschaft eine Infektion folgenlos überstehen würden, ist sehr groß.

Vorsicht und Geduld Geduld Geduld

Vorsicht, aber keine Panik, und weiterhin Geduld Geduld Geduld, das ist in den nächsten Wochen wohl weiterhin das Mantra, das uns alle begleitet, bis alle Schwangeren, alle Menschen in deren Umfeld und am Ende dann auch die Kinder geimpft sind.

Autorin: Dr. Susanna Kramarz
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