Nahaufnahme von homöopathischen Globuli alternativer Medizin auf grüner Oberfläche

Homöopathie ist, wenn es auch von allein weggeht …

Ich berichte Ihnen, wie es bei mir war. Ich habe viele Jahre in der Redaktion einer Fachzeitschrift mit einem sehr engagierten und intelligenten Arzt und Redaktionskollegen im gleichen Raum gesessen, der begeisterter Homöopath war. Er war tief in der Materie, völlig überzeugt, hat später selbst eine Praxis für Homöopathie eröffnet. Wir haben uns viel über Logik unterhalten, die hinter diesem Konzept steckt. Und auch wenn ich für mich selbst nie auf homöopathische Mittel zurückgegriffen habe, habe ich natürlich meinen Kindern, als sie klein waren, Kügelchen gegeben. Belladonna bei Fieber, Camomilla bei Zahnungsschmerzen, Arnika für alle möglichen Sachen. Meine homöopathische Sammlung wuchs irgendwann aus dem Schuhkarton-Format heraus. Immer gab es irgendetwas, das mit irgendeinem Kügelchen-Konzept beantwortet werden konnte.

Als das Fieber immer weiter stieg …

Aber dann kam der Moment, als Wadenwickel und Belladonna bei 40 Grad Fieber nicht mehr ausgereicht haben. Als ich dann doch entgegen meiner Überzeugung einen Fiebersenker aus der Schulmedizin verwendet habe, weil ich wusste, dass ich das Fieber nicht weiter steigen lassen durfte. Ganz allmählich hatte ich einen Verdacht: Nämlich, dass die Kügelchen gar nichts bei meinen Kindern bewirkten. Sie hatten lediglich den Effekt, dass ich selbst beruhigt war, weil ich etwas getan hatte. Heilung gab es im Grunde genommen für all die vielen Wehs und Achs der Kinder in erster Linie durch Abwarten und nochmal Abwarten. Und dann kam der Moment, in dem ich der Wahrheit ins Gesicht sah: Die ganze Heilkraft der Kügelchen lag nicht darin, dass da irgendwelche mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Produkte aufs Allerfeinste verdünnt waren und ihre geheimen Kräfte an den Milchzucker oder das Zauberwasser abgaben. Sondern darin, dass sie dabei halfen abzuwarten.

Für alle Arzneimittel gilt wissenschaftlicher Standard …

Wenn man wissen möchte, ob ein Arzneimittel wirkt, dann gibt es dafür seit Jahrzehnten ein standardisiertes Verfahren, natürlich unter der Voraussetzung, dass das Weglassen des Arzneimittels nicht gefährlich ist. Man sucht eine bestimmte Anzahl von Patientinnen und Patienten mit derselben Krankheit, annähernd denselben Symptomen. Sie werden zufällig – das Fachwort ist randomisiert – in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Hälfte bekommt dann das echte Arzneimittel, die andere Hälfte ein Schein-Arzneimittel, das aber genauso aussieht und schmeckt. Und ganz wichtig: Auch die Ärztinnen und Ärzte, die die Arzneimittel geben, dürfen nicht wissen, wer das echte und wer das falsche Arzneimittel bekommt. Der Fachbegriff dafür ist „doppelblind“. Dann wird nach einer definierten Zeit mit einheitlichen Untersuchungen und Fragebögen erfasst, wie sich die Symptome geändert haben, und ob weitere Symptome, eventuelle Nebenwirkungen, dazu gekommen sind.

Erst am Ende werden die Daten in der Datenbank zusammengefügt, und erst dann kann man sehen, welche Veränderungen unter dem Arzneimittel und welche unter dem Placebo aufgetreten sind und auch, wie lange der Effekt angehalten hat.

Alle Arzneimittel, die in der Schulmedizin verordnet werden können, haben solche Arzneimittelstudien hinter sich. Sie sind auf Wirksamkeit, Nebenwirkungen, auf Komplikationen und Kontraindikationen hin durch und durch geprüft. Allerdings muss hier auch darauf hingewiesen werden, dass an Schwangeren derartige Studien nicht durchgeführt werden dürfen. Deshalb gibt es – aus juristischen Gründen – in den Packungsbeilagen meist den Hinweis, dass das Präparat in der Schwangerschaft nicht verwendet werden soll.

 … nur die Homöopathen weigern sich

Die Hersteller von homöopathischen Arzneimitteln haben sich immer geweigert, solche Studien durchzuführen. Ihr Argument: Die homöopathische Therapie sei so individuell, das homöopathische Denken so grundverschieden zu dem schulmedizinischen Denken, dass man das klassische Studiendesign dabei nicht anwenden könne. Das ist aber nicht korrekt. Wenn man es gewollt hätte, dann wären solche wissenschaftlichen Untersuchungen auf jeden Fall auch für viele der homöopathischen Arzneimittel schon längst möglich gewesen. Es wäre auch möglich gewesen zu prüfen, ob Kügelchen oder Tropfen, in denen die Wirkstoffe besonders stark verdünnt sind, auch wirklich stärker wirken. Denn so ist es ja die Theorie.

Hochpotenz bei Homöopathie bedeutet komplett ohne Wirkstoff

Inzwischen gibt es einen Gerichtsbeschluss. Es ging um homöopathische Präparate mit einer Hochpotenz, also mit einer besonders starken Verdünnung des Wirkstoffs. Rein rechnerisch war der Wirkstoff in diesem Mittel so stark verdünnt worden, dass nicht ein einziges Molekül davon mehr in dem sogenannten Arzneimittel enthalten war. Ein Gericht beschied, dass dann der angeblich enthaltene, tatsächlich aber nicht mehr vorhandene Wirkstoff auf dem Etikett auch nicht mehr genannt werden darf.

Homöopathie: Abwarten und Glauben, sonst nichts

Fakt ist: Das Therapieprinzip der Homöopathie ist Abwarten und Glauben und sonst nichts. Homöopathische Arzneimittel wirken nicht. Sie hemmen keine Wehen, kräftigen nicht die Gebärmutter, verstärken nicht den Milch-Einschuss. Sie lassen Sie nicht besser schlafen, vertreiben keine Übelkeit und keine Kopfschmerzen und auch keine Traurigkeit.

Und erst recht wirken sie nicht bei Infektionen, bei Bluthochdruck, bei Diabetes, bei Blutarmut. Versuchen Sie es gar nicht erst. Niemals verschwinden ernsthafte medizinische Symptome oder Erkrankungen durch homöopathische Behandlungen. Sie vergeuden nur Zeit. Sie sind schwanger und Sie wollen, dass es Ihrem Baby gut geht. Da dauert es oft zu lange, auf Selbstheilung zu warten. Denn damit nimmt man ja immer auch in Kauf, dass sich die Situation vielleicht verschlimmert. Sie möchten das nicht.

Sie könnten auch beten

Und wenn Ihr Baby später da ist, erinnern Sie sich bitte daran. Sie lindern die Blähungen Ihres Babys, die Schmerzen beim Zahnen, das Schreien, die fiebrigen Infektionen nicht, indem Sie ihm homöopathische Kügelchen und Tropfen geben. Es ist ein wenig wie mit dem Glauben an eine höhere Macht. Sie können auch am Bett ihres Babys knien und zu Ihrem Gott beten, er möge das Fieber nehmen und die Bauchschmerzen. Wenn beides dann verschwindet, war es das Gebet? Ja, manche Menschen glauben daran. Letztlich hilft aber auch das innigste Gebet immer nur dem Betenden selbst.

Ohne Homöopathie – das ist nicht einfach

Es ist richtig schwierig, von der Homöopathie wegzukommen. Es kann sich anfühlen wie der Ausstieg aus einer Sucht. Man muss sich ganz neue Denkweisen angewöhnen. Man muss alle diese vielen Situationen, in denen man immer auf Homöopathisches gesetzt hat, neu und anders denken.

Das heißt nicht, dass Sie nun der Schulmedizin auf Gedeih und Verderb ausgeliefert wären. Pflanzliche Heilmittel und physikalische Heilmethoden bieten eine Menge Möglichkeiten an, Krankheiten und Störungen der Befindlichkeit in den Griff zu bekommen.

Mehr dazu gibt es in den kommenden Blogbeiträgen.

Ihre Susanna Kramarz

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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