Huflattich in der Schwangerschaft

Huflattich in der Schwangerschaft

Heute geht unsere Serie „Pflanzliches – da können Sie entspannt bleiben“ mit dem Huflattich weiter. Im nächsten Blogbeitrag ist dann das Süßholz an der Reihe. Diese zwei sehr unterschiedlichen Pflanzen haben einen sehr gegensätzlichen Ruf. Bloß nicht heißt es bei der einen, und kein Problem heißt es bei der anderen. Beides ist nicht so ganz richtig.

Fangen wir von vorn an, und zwar mit Huflattich. Huflattich ist eine hochwirksame Heilpflanze. Sie hat flache, pelzige, graugrüne und ziemlich feste Blätter mit einem harten, etwas gezackten Rand und blüht im Frühjahr gelb. Sie braucht einen trockenen, kalkhaltigen Boden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man Huflattich auf staubigen Schutthalden und Baustellen findet, natürlich aber auch in den Mittelgebirgen an kalkweißen, trockenen Südhängen. Geerntet werden nur die Blätter. Die langen Wurzeln und ihre Ausläufer bleiben im Boden.

2000 Jahre Huflattich

Dass die Blätter gegen Husten wirken, wussten schon die Römer vor über 2000 Jahren. Damals wurden die Blätter nicht mit heißem Wasser zu einem Tee aufgegossen, sondern verbrannt und der Rauch eingeatmet. Woher man das weiß? Ganz dunkel erinnern Sie sich vielleicht an die Geschichte vom Vesuv, einem Vulkan in der Nähe von Neapel?

Der Vulkan brach im Jahr 79 nach Christus aus und begrub mehrere Städte – darunter die Stadt Pompeji – unter Lava und Asche. Der wohlhabende römische Politiker und Schriftsteller Plinius der Ältere hatte seine Villa auf einer Anhöhe in der Nähe von Pompeji. Er sah von ferne dem Ausbruch zu. Gemeinsam mit seinem Neffen, der ebenfalls Plinius hieß und später Plinius der Jüngere genannt wurde. Der ältere Plinius ließ sich von einem Schiff nahe an die Küste von Pompeji bringen, um die Katastrophe von Nahem zu sehen. Er kam dabei um. Sein Neffe beschrieb den Ausbruch des Vesuv, das Desaster und den Tod seines Onkels später in seinen eigenen Schriften.

Von Plinius dem Älteren jedenfalls gibt es eine Sammlung von medizinischen Texten. Und in diesen Texten kommt Tussilago, der Huflattich, als Heilpflanze gehen hartnäckigen Husten vor – wie beschrieben als Rauch eingeatmet, nicht als Tee getrunken.

Das Einatmen von verbrannten Pflanzen ist bei uns in Mitteleuropa nicht geläufig. Stattdessen gießen wir uns einen Tee auf. Wie zuvor erwähnt, Huflattichblätter wirken hervorragend gegen Husten und Heiserkeit. Aber Huflattich ist nicht lecker, ganz im Gegenteil. Dazu gleich mehr.

Giftstoffe schrecken Hasen und Rehe ab

Nun haben Sie aber gehört, dass Huflattich absolut giftig ist und in der Schwangerschaft auf gar keinen Fall verwendet werden darf? Sehen Sie, da haben wir es. Die Sache mit dem Rufmord. Ja, der Huflattich, den Sie in der freien Natur ernten, enthält neben den heilenden Wirkstoffen auch Pflanzenstoffe, die sehr unangenehm schmecken. Diese sollen dadurch Hasen, Rehe und andere Pflanzenfresser abschrecken. In reichlicher Menge gefressen können sie die Leber schädigen und Krebs auslösen. Tiere gehen nicht so weit, das auszuprobieren. Sie spucken das aus und machen danach einfach einen Bogen um die Pflanze. Nur wir Menschen haben gelernt, dass gute Medizin schlecht schmecken muss und schalten damit solche Überlebensreflexe aus.

Auf keinen Fall selbst ernten

Leider werden die schädlichen Pflanzenstoffe – ihr fachlicher Name ist „Pyrrozilidin-Alkaloide“, abgekürzt PA – durch Abkochen nicht zerstört. Sie bleiben erhalten und wenn man viel Husten hat und deshalb viel und über längere Zeit Huflattichtee trinkt, kann das die Leber schädigen – und in der Schwangerschaft auch die Leber des Babys. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fordert heute deshalb Nulltoleranz für natürlich gewachsenen Huflattich, weil man keine untere Schwelle angeben kann, unterhalb derer die natürlichen Huflattichblätter unbedenklich sind.

Diese Nulltoleranz gilt genauso für Huflattich als Tee, als Sirup oder als Saft, wenn man ihn im Drogeriemarkt oder im Lebensmittelhandel kauft. Und das gilt natürlich auch dann, wenn es sich um einen Bioladen handelt. Dort würde man allenfalls einen Huflattichtee bekommen, der keine künstlichen Dünger oder Pestizide enthält. Aber die natürlichen Giftstoffe sind natürlich 100 % bio und würden dadurch automatisch mitgeliefert.

Freibrief für Huflattich aus der Apotheke

Allerdings gibt es eine gute Nachricht. In der wissenschaftlichen Arzneipflanzenzucht ist es gelungen, Huflattich zu züchten, der die giftigen PA-Anteile nicht mehr enthält. Er wird als „100 % PA-frei“ bezeichnet. Huflattich, den Sie in der Apotheke kaufen und der die sehr strengen pharmazeutischen Prüfprozesse durchlaufen hat, ist frei von Pyrrolizidin-Alkaloiden.

Wenn Sie also einen hartnäckigen Husten haben, den Sie gern loswerden wollen, dann spricht nichts dagegen, wenn trotz Ihrer Schwangerschaft Ihre Hustentee-Mischung zum Beispiel Thymian, Spitzwegerich, Königskerze und auch Huflattich enthält. Sie sollten davon nicht zwei Liter täglich trinken über acht Wochen. Aber täglich zwei große Tassen, das ist für eine oder zwei Wochen völlig in Ordnung und stellt weder für Sie noch für Ihr Baby irgendeine Gefahr dar.

Wenn Sie Fertigtees kaufen und wenn es sich um Teemischungen handelt, sollten Sie aber aufs Kleingedruckte gucken. Denn es gibt eine Geheimwaffe, um bittere Tees lecker zu machen: Süßholzwurzel. Ist Süßholz in Ihrer Teemischung oder in Ihrem Yogitee enthalten? Falls ja …. dann auf Wiedersehen im nächsten Beitrag.

Abschließend empfehle ich Ihnen ein Buch, in dem es nicht um Schwangerschaft und Babys geht. Der fantastische britische Autor Robert Harris hat die letzten Tage von Pompeji und auch das Drama der Plinius-Familie in einem unglaublich spannenden, halb fiktiven Roman beschrieben: „Pompeji“, auf Deutsch im Jahr 2003 herausgekommen. Auch dann, wenn Sie sich noch nie in Ihrem Leben für die römische Geschichte interessiert haben, das müssen Sie auch gar nicht. Es ist fast 20 Jahre her, dass ich dieses Buch gelesen habe, und ich könnte heute noch viele Szenen daraus aus dem Stand mit demselben Schaudern wie damals nacherzählen.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

Bild-Copyright © Olli Kilpi / unsplash

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