Schwangere, die gegen Influenza geimpft wird

Influenza: Jung und gesund reicht nicht als Schutz vor Grippe

Sie hatten schon immer ein Immunsystem wie ein Burgwall? Alle Husten-, Schnupfen- und Grippe-Wellen sind schon immer um Sie herum geflutet? Und außer ein bisschen Kopf- und Halsschmerzen und mal ein wenig Schlappheit haben Sie nie was davon gemerkt? Und so wird es auch in Ihrer Schwangerschaft bleiben?

Wahrscheinlich, ja. Wahrscheinlich haben Sie recht. Und Sie werden auch durch die Schwangerschaft hindurch den ganzen kommenden Herbst und Winter hinweg nichts anderes benötigen als ein paar Hustenbonbons, ein paar Tassen Erkältungstee und ein Paar warme Hausschuhe. Sie werden sich schön die Hände waschen, wenn Sie nach Hause kommen, sich unterwegs nicht mit den Händen ins Gesicht fassen, was wegen der Masken sowieso derzeit so gut wie abgeschafft ist.

In der Schwangerschaft schafft das Immunsystem sich ab…

Aber vielleicht haben Sie nur halb recht. Das Immunsystem, das Sie normalerweise so prächtig gesund hält, schafft sich nämlich in der Schwangerschaft selbst ab, zumindest teilweise. Denn Ihr Baby besteht nicht aus Ihren eigenen Proteinen, sondern hat eine andere Genetik, nämlich eine Mischung aus den Chromosomen von Ihnen und von seinem genetischen Vater. Das Protein des Babys – also das Baby selbst, die Plazenta, die Fruchthöhle – sind für Ihr Immunsystem Fremdeiweiß. Wenn das Immunsystem also auch in der Schwangerschaft so schnell und gut bewaffnet wäre wie normalerweise, würde keine Schwangerschaft die Phase der Einnistung in die Wand der Gebärmutter überstehen.

… damit die Menschheit nicht ausstirbt

Damit die Menschheit also nicht ausstirbt, muss sich das Immunsystem von schwangeren Frauen gleich in den ersten Wochen der Schwangerschaft selbst entwaffnen. Es bremst in einem Akt beispielloser Selbst-Enthauptung die Aktivität von Immunzellen ab und verlegt die Immunabwehr eher auf Antikörper, also Moleküle, die im Blut und im Gewebe mögliche Krankheitserreger erkennen können. Dass den Immunzellen, den weißen Blutkörperchen, das alles nicht richtig behagt, kann man daran sehen, dass ihr Zahl in der Schwangerschaft meistens kontinuierlich ansteigt. Natürlich funktioniert die Krankheitsabwehr trotzdem weiter. Aber eben anders als sonst. Und wenn bei einer Infektion die leichte Reiterei der Antikörper nicht ausreicht, um Krankheitserreger zu bekämpfen, dann dauert es ein bisschen, bis dann doch die schweren Kampfrösser herangedonnert kommen. Erst dann gibt es übrigens auch Fieber, Gliederschmerzen, Schüttelfrost.

Influenza: Häufiger ohne Symptome, häufiger schwer

Für eine Infektion mit den Influenza (=Grippe) bedeutet das dasselbe wie für eine Infektion mit SARS-CoV2 in der Schwangerschaft: Häufiger als üblich verursacht eine Infektion kaum Symptome. Aber wenn die Antikörper mit den Viren nicht fertig werden und weitere Unterstützung benötigen, ist es oft schon ein bisschen spät. Die Viren haben sich dann schon stärker vermehrt als es gut wäre. Es kommt zu schwereren Symptomen; und das Immunsystem, zu spät aktiviert, hat es viel schwerer, die Viren zu bekämpfen.

Lungenentzündungen und Frühgeburten

Wenn also in der Schwangerschaft dann doch eine Influenza – oder ganz ähnlich auch Covid-19 – ausbricht, dann verläuft diese Infektion häufiger schwer als außerhalb der Schwangerschaft. Es entwickeln sich häufiger Lungenentzündungen; Schwangere mit Influenza müssen wegen der Schwere der Erkrankung häufiger im Krankenhaus aufgenommen werden. Auch in der schweren Grippewelle 2016/2017 wurde aus einigen Universitätskliniken berichtet, dass schwerkranke schwangere Frauen aufgenommen werden mussten. Bei einigen davon waren die Lungen so zerstört, dass nicht einmal mehr eine künstliche Beatmung funktionierte. Es konnte einfach kein Sauerstoff mehr ins Blut aufgenommen werden. Schon damals mussten einige wenige Schwangere an eine ECMO angeschlossen werden, so wie heute die schwerstkranken Corona-Patientinnen und -Patienten.

Damit Mutter und Kind überhaupt eine Chance hatten, musste auch schon damals in einigen Fällen das Baby mit einem Kaiserschnitt zur Welt geholt werden. Und selbst wenn es nicht so weit kommt: Bei schweren Erkrankungen und hohem Fieber entscheidet sich der Körper häufig gegen die Schwangerschaft: Es kommt zu vorzeitigen Wehen und zu einer viel zu frühen Geburt.

Und deshalb – Grippe-Impfung jetzt

Hier kommen wir nun zu der ganz wesentlichen Botschaft für diesen September. Eine frische Impfung gegen Influenza stößt in Ihrem Immunsystem sehr kräftig die Bildung von Antikörpern an. Das sind genau die, die dann auch als Erste den Kontakt mit den Viren bekommen. Und es präpariert darüber hinaus auch die Immunabwehr in den Abwehrzellen. Sollte also ein Schwall Grippeviren in Ihre Atemwege gelangen, so kann das Immunsystem damit wesentlich erfolgreicher umgehen als bei jemandem, der nicht geimpft ist.

Eine Impfung gegen die Grippe ist also etwas, das Sie sich unbedingt so bald wie möglich holen sollen. Sie kostet nichts, es ist nur eine einmalige Spritze, und sie ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse. Ihre Frauenärztin oder Ihr Frauenarzt impft dabei Ihren Lebenspartner auch gleich mit.

Corona oder Grippe – welche Impfung zuerst?

Der beste Zeitpunkt für die Grippe-Impfung ist im Prinzip so bald wie möglich. Aber wenn Sie noch nicht gegen Corona geimpft sind, dann sollten Sie diese Impfung vorziehen: Die Ständige Impfkommission hat Mitte September grünes Licht gegeben für die Impfung auch in der Schwangerschaft. Und da Covid-19 die gefährlichere Erkrankung der beiden ist und da auch zweimal geimpft werden muss, sollte zuerst die mRNA-Impfung gegen SARS-CoV2 erfolgen. Dann kommt eine Wartezeit von zwei Wochen, bis die nächste Impfung erfolgen kann, in diesem Fall also die Grippe-Impfung. Und noch einmal zwei bis drei Wochen später bekommen Sie dann die zweite Corona-Impfung.

Und wie sieht es aus, wenn Ihre Schwangerschaft schon fast zu Ende geht? Sollen Sie sich dann noch impfen lassen, oder ist es dann auch schon egal? Nein, im Gegenteil. Denn dann haben Sie ja bald das Baby zu Hause. Diese Zeit ist schon anstrengend genug. Da brauchen Sie nicht auch noch eine Grippe. Und außerdem geben Sie während der Geburt Ihre Antikörper auch noch ihrem Baby weiter, dass dann für ein paar Wochen ebenfalls vor der Grippe geschützt ist. Wenn das nichts ist.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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