Frau liegt erschöpft auf dem Bett, Energiemangel, Müdigkeit, Lethargisch

Kein Jodmangel, aber trotzdem Schilddrüse im Tiefschlaf?

Immer müde, immer ohne Antrieb, immer am Frieren, immer schlapp, das kennen viele Schwangere, spätestens ab dem fünften Monat. Eine Schwangerschaft ist kein Spaziergang, vor allem dann nicht, wenn schon kleine Kinder zu versorgen sind. Wenn Frau voll in ihrem Beruf bleibt, wenn vielleicht auch noch ein Umzug ansteht oder andere Sorgen einen beschäftigen. Manchmal kann aber auch ein Problem mit der Schilddrüse dahinterstecken, häufig eine Entzündung. Schilddrüse, damit hatte ich aber noch nie was, die war immer O. K., sagen Sie? Wo sitzt die überhaupt, kann man die tasten? Und Entzündung, müsste das nicht wehtun, hat man da kein Fieber?

Muss eine Entzündung nicht weh tun?

Also fangen wir von Anfang an. Unser Immunsystem ist permanent damit beschäftigt, fremdes Eiweiß abzuwehren. Dabei soll es aber bitteschön körpereigene Strukturen möglichst in Ruhe lassen. Unsere Körperzellen haben deshalb Möglichkeiten, sich selbst zu schützen. Sie produzieren zum Beispiel Proteine, die sie auf ihrer Außenseite absetzen, und den Immunzellen ständig sagen „hey du kennst mich, reg dich nicht so auf“. Ganz besondere Künstler darin, solche „Vertrau-mir“-Proteine zu produzieren, sind manche Krebsarten.

Dadurch gelingt es diesen Krebszellen, unter dem Radar des Immunsystems zu bleiben und weitgehend ungehemmt zu wuchern. Das ist zwar heute nicht unser Thema. Aber ein ganz kurzer Ausblick in die Krebsmedizin, die Onkologie, soll hier erlaubt sein. Es gibt ganz moderne Arzneimittel, die diesen Krebszellen die Fähigkeit rauben, Vertrau-mir-Proteine herzustellen. Und wenn diese Tarnkappe weg ist, dann kann das Immunsystem die bösen Zellen prima angreifen und vernichten. Natürlich unterstützt von dem ganzen sonstigen Waffen-Arsenal in der Onkologie. Aber zurück zu unserem Thema.

Es kann auch ganz blöd kommen

Es kann aber auch ganz blöd kommen, und die Zellen im Gewebe produzieren keine „Vertrau-mir“-Proteine, sondern stattdessen „Du-kennst-mich-nicht“-Proteine, die dann wie auf der Außenseite der Zellen für die Immunzellen blinken wie das rote Tuch für einen spanischen Stier. Falls Sie das auch noch woanders nachlesen wollen, im medizinischen Fachjargon heißen diese „Rotes-Tuch“-Proteine HLA-Antigene. Warum das so ist, dafür gibt es mehrere Theorien. Überwiegend sind es wohl genetische Ursachen, die dazu führen, dass sich Zellen in Körpergeweben zur Zielscheibe für das eigene Immunsystem machen. Rauchen und Infektionen scheinen das Risiko zu erhöhen.

Zurück zur Schilddrüse. Bei ungefähr einem von 20 Erwachsenen in Deutschland – und bei Frauen zehnmal so häufig wie bei Männern – findet man im Blut Antikörper gegen das Schilddrüsengewebe, weil die Zellen der Schilddrüse auf ihrer Außenseite „Rotes-Tuch“-Proteine aufweisen.

Rotes Tuch macht noch keine Krankheit

Das allein macht noch keine Krankheit. Das Immunsystem versucht, sich zu beherrschen, was ja wirklich eine tolle Sache ist, wenn man es sich mal richtig überlegt. Wenn das mit der Selbstbeherrschung aber auf Dauer nicht so gut funktioniert, dann fallen die Zellen des Immunsystems irgendwann über die Zellen der Schilddrüse her und zerstören im Laufe der Jahre große Teile des Gewebes.

Diese meistens schmerzlose Entzündung der Schilddrüse – ganz ohne Bakterien, ohne Viren und ohne Fieber – hat erstmals 1912 der in Berlin arbeitende, japanische Arzt Hashimoto entdeckt und beschrieben. Da in der Medizin alles, was zur Schilddrüse gehört, mit „Thyreoid…“ bezeichnet wird und die medizinische Wort-Endung für „Entzündung“ „itis“ lautet, heißt der Fachbegriff für diese Erkrankung „Hashimoto-Thyreoiditis“.

Schilddrüse: Den Motor unseres Lebens am Laufen halten

Die Hormone der Schilddrüse sorgen dafür, dass der Motor unseres Lebens am Laufen bleibt. Sie sorgen für einen ausreichenden Grundumsatz. Dadurch bleiben unser Gehirn, unser Herz und unsere Muskulatur in einer gesunden Grundspannung. Uns ist warm, auch die Haut ist warm und gut durchblutet, die Haare gesund und glänzend. Und damit ist auch schon genau beschrieben, was sich verändert, wenn die Schilddrüse entzündet ist und immer weniger Hormone produziert: Der Grundumsatz sinkt, man ist ständig müde, der Antrieb geht verloren, man fühlt sich immer weniger leistungsfähig, man friert, und manchmal fallen auch die Haare aus.

Es wird geschätzt, dass fast jede zehnte Schwangere eine unentdeckte Hashimoto-Erkrankung hat. Nicht alle müssen in Behandlung. Aber wenn schon Symptome aufgetreten sind, dann ist es höchste Zeit. Dann sollten Sie das fehlende Schilddrüsen-Hormon in ausreichender Menge ersetzen. Und unbedingt müssen Sie auch genug Jod aufnehmen, das von den Schilddrüsen-Hormonen so notwendig gebraucht wird, wie das Eisen im roten Blutfarbstoff. Manchmal kann durch die Schilddrüsenhormone sogar die Entzündung abgebremst werden.

Kranke Schilddrüse der Mama – miserabel für das Baby

Schilddrüsenhormone sind vor allem in den ersten Wochen und Monaten der Schwangerschaft an der Entwicklung des Embryos beteiligt. Bei einem Hormonmangel droht deshalb eine frühe Fehlgeburt. Nach etwa 12 Wochen beginnt der Embryo dann, selbst Schilddrüsenhormon herzustellen. Er ist dann nicht mehr von den Hormonen seiner Mama abhängig. Aber er hat dann einen kräftigen Eigenbedarf an Jod. Die Jod-Zufuhr, auf die Sie ja bereits vor der Schwangerschaft achten müssen, sollten Sie im Lauf der Schwangerschaft sogar noch steigern. Fehlt dieses Spurenelement, dann kann sich das Gehirn des Babys nicht richtig entwickeln. Und diese Verlangsamung wird es auch sein ganzes Leben lang nicht mehr aufholen.

Bleibt allerdings der Mangel an Schilddrüsen-Hormon bei der Mama im Lauf der Schwangerschaft unbehandelt, dann schafft es der Organismus manchmal nicht mehr, die Schwangerschaft aufrechtzuerhalten. Es kommt dann zu einer Fehlgeburt oder zu einer Frühgeburt.

Ende gut – alles gut

Was ist zu tun? Berichten Sie Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt, wenn Ihnen ständig kalt ist, Sie immer müde sind, immer schlapp, wenn Sie Ihr Haarausfall beunruhigt. Entweder in der Frauenarztpraxis oder auch bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt kann dann die Schilddrüse im Ultraschall untersucht werden, und es kann Blut abgenommen werden. Im Labor wird dann die Menge an Schilddrüsen-Hormonen untersucht, aber es wird auch festgestellt, ob Antikörper gegen das Schilddrüsengewebe gefunden werden können.

Wird dann das fehlende Schilddrüsenhormon ersetzt und vielleicht auch noch die tägliche Jodmenge erhöht, werden Sie bald merken, dass Sie sich besser fühlen. Und dass das auch Ihrem Baby gefällt, das merken Sie spätestens am Tag der Geburt.

Mehr zum Thema finden Sie auch in unserem Blogbeitrag „Chronische Krankheiten in der Schwangerschaft“ aus dem Jahr 2018.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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