Junge Frau fässt sich an die Wade. Kann das eine Thrombose sein?

Muss man wirklich mit Thrombosen in der Schwangerschaft rechnen?

Junge Frau fässt sich an die Wade. Kann das eine Thrombose sein?
Das Risiko für Thrombosen ist in der Schwangerschaft eher gering.

Nein, normalerweise nicht. Das Risiko, dass jemand im Alter zwischen 20 und 40 Jahren an einer Thrombose erkrankt, also einem Blutgerinnsel, das ein Blutgefäß teilweise oder ganz verstopft, liegt bei 1 zu 10.000 pro Jahr. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer, und eine Schwangerschaft erhöht das Risiko nochmal um das Fünf-bis Zehnfache. Etwa eine von 800 Frauen entwickelt also in ihrer Schwangerschaft ein solches Blutgerinnsel, 799 nicht.

Thrombosen bleiben – den Warnungen vor Thrombosen in der Schwangerschaft, während und nach der Geburt zum Trotz – einigermaßen seltene Ereignisse. Das gilt vor allem dann, wenn Sie nicht übergewichtig sind, jünger als 35, wenn weder bei Ihnen noch in Ihrer Familie bisher Herzinfarkte, Schlaganfälle, Lungenembolien, Thrombosen vorgekommen sind und wenn bei Ihnen bisher keine Störung der Blutgerinnung festgestellt wurde. Krampfadern zählen nicht, die haben ganz andere Ursachen.

Manche Krankheiten und lange Bettlägerigkeit erhöhen das Risiko

Es gibt auch einige Krankheiten, die die Blutgerinnung aktivieren. Dazu gehören unter anderem Krankheiten mit akuten oder dauerhaften Entzündungen im Körper, Nierenkrankheiten und auch bösartige Erkrankungen. Lange im Bett zu liegen und lange zu sitzen fördert ebenfalls die Neigung zu Thrombosen. Das bedeutet, dass schon eine Grippe, bei der man einige Tage im Bett liegt, das Risiko erhöhen kann. Auch bei Corona-Erkrankungen gehören wegen der langen Liegezeiten und wegen der heftigen Entzündungsreaktionen des Immunsystems Thrombosen zu den häufigen Komplikationen.

Also – trifft das alles auf Sie nicht zu, und unternehmen Sie noch dazu keine langen Reisen, auf denen Sie viele Stunden lang sitzen müssen, tragen keine engen Slips oder Hosen, die den Blutfluss in der Leistengegend abschnüren, trinken genug Flüssigkeit und rauchen nicht, dann sollten Sie normalerweise weder in der Schwangerschaft noch während der Geburt und auch nicht in den Wochen danach an einer Thrombose erkranken. Normalerweise – aber man weiß ja nie.

Trotzdem sind sich alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ärztinnen und Ärzte einig: Normalerweise ist das Risiko für Thrombosen in der Schwangerschaft so niedrig, dass es nicht notwendig ist, dass gesunde Schwangere deshalb Gerinnungshemmer verordnet bekommen müssten. Auch Stützstrümpfe gehören nicht zur Normalausstattung in der Schwangerschaft.

Wann Abwarten und Hoffen keine gute Option ist

Natürlich sieht das alles ganz anders aus, wenn irgendwelche der oben bereits genannten Faktoren zutreffen. Dann steigt das Risiko, während der Schwangerschaft, noch mehr aber noch in den Wochen nach der Geburt an einer Thrombose zu erkranken, sehr stark an. In diesen Fällen ist Abwarten und Hoffen keine gute Option mehr. Hier gilt es, mit Arzneimitteln zu verhindern, dass sich im Blut die gefürchteten Klümpchen und Gerinnsel bilden.

Moderne Gerinnungshemmer – Stoppschild für die Schwangerschaft

Bei Nicht-schwangeren Menschen ist das gar kein Problem. Seit einigen Jahren gibt es sehr wirkungsvolle, moderne Tabletten, die regelmäßig eingenommen werden und die Blutgerinnung leicht hemmen. Diese Arzneimittel werden in einer gemeinsamen Arzneimittelgruppe mit dem Namen „Direkte Orale Anti-Koagulanzien“ = DOAKs zusammengefasst und bestehen aus so kleinen Molekülen, dass sie problemlos durch die Wand des Darms in Blut aufgenommen werden. Sie bergen aber genau wegen dieser kleinen Moleküle auch eine große Gefahr: Sie gelangen nämlich weitgehend ungebremst auch durch die Plazenta zum ungeborenen Baby und können das Baby ganz erheblich schädigen. Diese ungünstigen Wirkungen werden etwa ab der sechsten Woche der Schwangerschaft beobachtet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollten sie unbedingt abgesetzt sein.

Hier beginnt aber das nächste Problem. Wenn eine Schwangere wegen vorbestehender Risiken und Erkrankungen einer gesteigerten Gefahr für Thrombosen ausgesetzt ist, muss die Blutgerinnung ja weiter gehemmt werden. Die einzige Arzneimittelgruppe, die hier noch hilft, sind Heparine. Heparin hat aber einen Nachteil. Es ist ein Protein, das schon im Darm in seine Einzelteile verdaut wird, wenn es als Tablette geschluckt wird. Dann kommt also kein wirksames Heparin in der Blutbahn an, das noch in die Blutgerinnung eingreifen könnte.

Es wurde sehr viel Forschung in Projekte gesteckt, ein Heparin zum Schlucken zu entwickeln. Bis jetzt sind sie alle gescheitert. Man hat auch versucht, Arzneimittelpflaster zu entwickeln, die Heparin enthalten und es ganz langsam durch die Haut abgeben, so wie es ja die Pille auch als Ein-Wochen-Pflaster zum Wechseln gibt und auch Schmerzmittel oder Hormone für die Wechseljahre. Aber die Durchlässigkeit der Haut ist zu wenig zuverlässig, auch hier ist die Forschung steckengeblieben.

Es hilft nur Spritzen

Heparin muss also auf andere Weise in den Körper kommen. Und da hilft derzeit nur die tägliche Spritze, die Sie sich selbst setzen müssen. Das Heparin muss dabei nicht wie eine Impfung durch einen beherzten Einstich im Muskel landen. Sondern man fasst eine Hautfalte am Bauch zwischen zwei Fingern, schiebt dann die Kanüle in die Haut und drückt den Kolben des Arzneimittels ab. „Ich kann das nicht“, sagen viele, wenn sie das das erste Mal üben. Ich kann mich nicht spritzen, es tut weh, ich bekomme blaue Flecken davon, ich will das nicht. Und schon erst recht nicht jeden Tag.

Aber alle lernen das. Es verhindert Thrombosen in den Armen oder Beinen, die an sich schon unangenehm genug sind. Aber es verhindert auch Folge-Erkrankungen durch geronnene Blutklümpchen, die sich von der Wand der Vene losreißen und dann irgendwo anders im Körper landen und weitere Folgen verursachen, meist eine Lungenembolie.

Leider ist auch mit der Geburt bei Weitem nicht alles vorbei. Denn das Thromboserisiko während der Geburt und in den sechs bis zwölf Wochen danach ist sogar noch um ein Vielfaches höher als während der Schwangerschaft. Und die schönen DOAKs zum Schlucken dürfen auch während der Stillzeit nicht verwendet werden.

Kleine Pause während der Geburt

Aber es gibt trotzdem eine kleine Minipause mit der Spritzerei, immerhin. Denn während der Geburt sollte die Blutgerinnung möglichst gut funktionieren. Nur so gelingt es dem Körper, die Blutungen gut und schnell zu stoppen, die rund um die Geburt auftreten. Vor allem bei der Ablösung der Plazenta entsteht eine große offene Gewebefläche, die möglichst schnell verschlossen werden muss, damit es nicht zu schweren Blutungen kommt. Eine solche Blutung bei einer Frau zu stillen, deren Blut durch Heparin am Gerinnen gehindert ist, das ist nicht einfach. Deshalb wird das Spritzen ab dem Einsetzen der regelmäßigen Wehen gestoppt – beziehungsweise wenn ein Kaiserschnitt geplant ist, dann 12 Stunden vorher. Und dann wird 6 bis 12 Stunden nach der Geburt damit wieder angefangen.

Das passiert in der Klinik aber nicht von allein. Wenn Sie vor der Geburt gefragt werden, welche Medikamente Sie einnehmen, sollten Sie nicht „Gar keine“ sagen und dabei die Finger hinter Ihrem Rücken kreuzen. Das hilft Ihnen nicht. Sie sollten, auch wenn Sie es eine Quälerei finden, Ihre Heparinspritzen mit ins Krankenhaus nehmen und dann mit dem Spritzen wieder beginnen, sobald die Ärztinnen und Ärzte Ihnen dafür wieder grünes Licht geben.

Nach der Geburt geht das Hü und Hott weiter

Die Geburt und die Tage danach bergen nämlich ein derartig hohes Risiko für Thrombosen, dass sogar schon „normale“, gesunde frischgebackene Mütter für die ersten Tage oft Thrombosestrümpfe bekommen, und zwar so lange, bis sie wieder normal herumlaufen und wieder ganz normal aktiv sind.

Es gibt allerdings zwei Arten von Gerinnungshemmern, die nicht gespritzt, sondern als Tabletten eingenommen werden und für die Stillzeit mit Einschränkungen geeignet sind. Beide wirken, indem sie das Vitamin K hemmen, das für die Blutgerinnung wichtig ist. Sie gehen zwar in die Muttermilch über und gelangen so zum Baby. Aber das Baby bekommt dann vier Wochen lang vorbeugend Vitamin-K-Gaben, sodass die Wirkung dieser Medikamente beim Baby aufgehoben wird. Erst nach dem Abstillen dürfen wieder moderne Gerinnungshemmer verwendet werden, die einfach als Tablette zu schlucken sind.

Komplizierte Geschichte. Aber ungemein hilfreich und effektiv, um Thrombosen und ihre Folgen zu verhindern.

Frühsymptome der Thrombose

Dumpfer Schmerz und Druckschmerz – ähnlich wie Muskelkater – in der Wadengegend oder im Unterarm

Eventuell dunklere, rote oder bläuliche Hautfärbung im betroffenen Unterschenkel/Unterarm

Mit dem Zentimetermaß Umfang von Unterschenkel oder Unterarm messen: Hat der schmerzende Unterschenkel/Unterarm einen größeren Umfang, ist eine Thrombose möglich

Auf keinen Fall abwarten, sondern sofort zum Arzt oder der Ärztin!

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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