Sehr früh geboren – warum das Herz darunter leiden kann

Heute gibt es wieder einen Teller voll Wissenschaft, und zwar so frisch und neu, dass vermutlich die meisten Ärztinnen und Ärzte noch nicht einmal davon wissen. Es geht um Babys, die vor dem Ende der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden. Mit der Sorge um diesen ganz kleinen Babys könnte man den Blog von BabyCare viele Jahre lang füllen.

Heute soll es aber fast ausschließlich um das Herz gehen, und zwar deshalb, weil vor wenigen Wochen ein Forschungs-Team aus Schweden in einem sehr angesehenen internationalen Journal Ergebnisse einer riesigen Gesundheits-Analyse veröffentlicht hat von über vier Millionen Menschen, darunter über 200.000 ehemals Frühgeborene, mit sehr wichtigen Daten und Erkenntnissen[1]. Bevor wir zu diesen Ergebnissen kommen, müssen wir aber einen ziemlich großen Umweg gehen. Kommen Sie mit, ich hoffe, Sie werden sich nicht langweilen.

Noch vor einigen Jahrzehnten überlebten nur wenige der viel zu früh geborenen Kinder die Säuglingszeit. Man konnte also kaum untersuchen, wie es sich auf die Schulzeit, die Intelligenz, das Erwachsensein auswirkt, wenn die Geburt schon vor dem Ende der 28. Woche oder noch viel früher stattgefunden hat. Heute überleben acht von zehn Babys, die so früh geboren wurden. Die meisten von ihnen werden trotz aller großen Probleme, die es am Anfang macht, sie am Leben zu erhalten, erwachsen.

Weit fortgeschrittene Medizin für Frühgeborene

Funktioniert der Darm, die Blase? Das Herz? Muss das Herz operiert werden? Kam es zu einer Hirnblutung? Wird irgendwann die Atmung gut funktionieren? Hoffentlich kommt kein gefährlicher Infekt…. Die Medizin für die ganz kleinen Frühgeborenen ist heute so fantastisch weit fortgeschritten, dass das Baby sich im besten Fall und trotz aller Hindernisse immer häufiger fast so gut weiterentwickeln kann als wenn es noch drei Monate in der Fruchthöhle schwimmen würde. Känguru-Tragen ermöglichen Mama und Papa und dem Baby Körperkontakt und große Nähe. Darüber werden wir ein andermal ausführlicher berichten.

Aber Geburt unter 28 Wochen – bleibender Mangel an Zellen

Vor gar nicht langer Zeit haben Forscher, die sich mit der Gesundheit und der Weiterentwicklung der inneren Organe nach einer sehr frühen Frühgeburt beschäftigen, etwas Wichtiges herausgefunden: Bis etwa zur 28. Woche ist die Zahl der Zellen, die das Herz, die Nieren, die Lunge, die Blutgefäße haben, noch viel niedriger als bei einem Baby, das erst nach 40 Wochen geboren wird. Wenn das Baby sich in der Gebärmutter vollständig entwickeln kann, teilen sich die Zellen so lange, bis es genügend sind und die Organe die richtige Größe haben.

Nach der Geburt werden sich die Zellen dann kaum noch teilen, wenn aus dem Baby ein Kind, ein Jugendlicher, ein Erwachsener wird, sondern sie bekommen vor allem mehr Volumen. Wird das Baby sehr früh geboren, dann teilen sich die Zellen zwar nach der verfrühten Geburt noch etwas weiter, aber längst nicht mehr so stark wie sie es in der Gebärmutter tun würden. Am Ende hat das Herz fast 20 Prozent weniger Zellen als es normal wäre.

Die Zellen selbst versuchen zwar, dann trotzdem noch weiter zu wachsen. Aber bei dem Versuch bleibt es: Das Herz und auch die Nieren von ehemals sehr unreif geborenen Kindern bleiben oft dauerhaft etwas kleiner als es normal wäre. Dasselbe gilt für die Lungenbläschen und für die Blutgefäße in der Lunge. Das alles funktioniert letztlich ein Leben lang etwas weniger gut als es normal wäre.

Man kann auch mit 80% gesund sein

Das bedeutet keineswegs dauerhafte Krankheit. Denn unser Körper ist auf Luxus ausgelegt. Jedes einzelne unserer Organe ist so ausgebildet, dass immer Teile davon ausfallen können, bevor es zu spüren ist. Das gilt mit Einschränkungen sogar für das Gehirn. Ein Mensch, der ehemals sehr früh geboren wurde, kann deshalb völlig gesund sein, obwohl sein Herz, seine Niere, seine Lungen nur 80 Prozent der maximalen Leistung bringen können.

Man merkt die Grenzen aber, wenn es um Belastung geht, um Sport und Leistungssport. Wenn vielleicht Krankheiten hinzukommen, die die Organe strapazieren. Dann fehlt manchmal die Reserve. Und so kommen wir zum Anfang des Artikels zurück, zu der großen Untersuchung aus Schweden: Bei Erwachsenen, die als sehr kleine Frühgeborene vor der 28. Woche zur Welt gekommen sind, entwickelt sich im frühen Erwachsenenleben häufiger eine Herzschwäche. Einfach so. Bluthochdruck, Probleme der Nieren oder der Lungen spielen dabei zwar eine Rolle, aber auch wenn man das alles ganz und gar beiseitelässt, bleibt die Erkenntnis, dass das Herz nach einer solchen Frühgeburt wohl oft schon im „normalen“ Leben ziemlich am Rand seiner Belastungsfähigkeit ist und früh Zeichen einer Überlastung zeigen kann.

Die Kirche im Dorf lassen

Aber „lassen wir die Kirche im Dorf“, sagte zu den Ergebnissen kürzlich Professor Nikolaus Haas, und der muss es wissen: Er leitet die Abteilung für Kinderkardiologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Kardiologie und angeborene Herzfehler. Eine Herzschwäche – der Fachbegriff lautet „Herzinsuffizienz“ – tritt bei Erwachsenen, die ganz normal an ihrem Entbindungstermin geboren wurden, bis zum 43. Lebensjahr in 0,3 % auf, also bei 3 von 1000 Erwachsenen. Bei ehemals sehr Frühgeborenen sind es 1,5 %, also 15 von 1000 Erwachsenen. Das ist fünfmal so viel, aber es ist immer noch selten.

Personen, die ehemals sehr früh geboren sind, werden ohnehin häufig ziemlich regelmäßig ärztlich untersucht. Mit Blutdruckmessungen alle zwei Jahre und ab und zu einem Echokardiogramm könnten solche Herzbelastungen frühzeitig erkannt werden.

Frühgeburt aufschieben – jeder Tag zählt

Die Botschaft, die bleibt: Jeder Tag, den eine drohende Frühgeburt hinausgezögert werden kann, ist ein gewonnener Tag für die Chancen des Babys, später bei bestmöglicher Gesundheit zu überleben. Alle Früherkennungs-Elemente in der Mutterschaftsvorsorge wahrnehmen und sehr gern auch die zusätzlichen Angebote im BabyCare-Programm, das hilft, Frühgeburten zu vermeiden.

Sie wussten das noch nicht? Ja, Schwangere, die am BabyCare-Programm teilnehmen, haben seltener eine Frühgeburt. Und damit haben ihre Babys auch bessere Chancen, gesund ins Leben zu starten. Wenn das nichts ist…..

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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[1] Crump C, Groves A, Sundquist J, Sundquist K. Association of Preterm Birth With Long-term Risk of Heart Failure Into Adulthood. JAMA Pediatr. Published online April 05, 2021. doi:10.1001/jamapediatrics.2021.0131