Schwangere in der Abenddämmerung mit Mondlampe in der Hand

Träume in der Schwangerschaft

Sie träumen in der Schwangerschaft wie verrückt und würden gern wissen, was das alles bedeutet? Da haben wir leider keine einfache Auflösung für Sie. Nur Sie selbst können eventuell wissen, was Ihre Träume bedeuten – wenn nicht Sie, dann auch niemand anderes. Traumdeutung ist nicht Bleigießen – aha, ich habe von einem Schiff geträumt, ich werde eine weite Reise machen und oha, ein halber Schwan, da muss ich vielleicht noch ein wenig weiterträumen, damit die andere Hälfte auch vorbeigeschwommen kommt.

Genug Schlaf, genug Träume

Die richtig gute Nachricht ist, dass Sie träumen, weil Sie offensichtlich genügend Schlaf haben. Der Schlaf verläuft in Phasen, die sich gut unterscheiden lassen, weil das Gehirn in ihnen sehr unterschiedlich arbeitet und eine sehr unterschiedliche Art von elektrischen Impulsen erzeugt. Man kann diese elektrischen Impulse sogar von außen messen, indem man Elektroden auf die Kopfhaut anlegt. Die Methode ist ziemlich genau hundert Jahre alt. Sie heißt EEG, Enzephalo-Elektro-Gramm (Enzephalon = das Gehirn).

Befassen wir uns zunächst mit dem Wachsein und den Schlafphasen. Im Wachsein schießen die Nerven ständig Millionen von Impulsen kreuz und quer durchs Gehirn. Von außen kann man nur eine ganz flache Linie elektrischer Aktivität mit sehr viel kleinen Zacken und Geruckel erkennen.

Die erste Schlafphase ist das Einduseln. Das Gehirn hört auf, wie wild zu arbeiten, die Nerven fangen sozusagen an, im Takt zu schwingen. Es können im EEG kleine Wellen abgeleitet werden, sogenannte Alpha-Wellen. Diese Alpha-Wellen erzeugt das Gehirn auch, wenn jemand in eine tiefe Entspannung oder Mediation oder ein Mittags-Nickerchen gleitet. Danach folgt die zweite Schlafphase, die Phase II. Sie ist durch typische höhere Wellen im EEG gekennzeichnet. Das Gehirn beschäftigt sich mit sich selbst, erholt sich vom Tag, die Außenwelt ist weitgehend abgeschaltet.

Wenn man entspannt genug ist, es dunkel und ruhig ist, gleitet man danach in die Phase III und die Phase IV ab, den echten Tiefschlaf. Das Gehirn ist jetzt komplett in Tiefenentspannung und erholt sich vom Tag. Auch der ganze Körper ist jetzt auf Erholung und Regeneration eingestellt. Am Ende der Tiefschlafphase weckt sich das Gehirn selbst wieder auf. Es folgt eine Phase, in der man ebenfalls überhaupt durch nichts geweckt werden kann, aber das EEG sieht aus wie im Wachzustand. Das Gehirn ist hochaktiv. Die Augäpfel unter den geschlossenen Augen bewegen sich schnell, manchmal zucken auch die Muskeln. In dieser Phase „denkt“ das Gehirn alles durcheinander, ohne dass Vernunft, Moral, Gewissen es daran hindern würde. Das Gehirn träumt. Die Traumphasen werden wegen der typischen schnellen Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern auch „REM-Phase“ genannt, REM = rapid eye movement, schnelle Augenbewegung.

Tiefschlaf und Traumphasen wechseln sich ab

Während der Nacht durchläuft man die Schlafphasen II, dann III und IV und die Traumphase mehrfach hintereinander. Im ersten Schlafzyklus kann die Tiefschlafphase länger als eine Stunde dauern, manchmal auch zwei oder drei Stunden. Je länger der Schlaf dauert, umso kürzer werden in jedem Zyklus die Tiefschlafphasen, umso länger die Phase II und die REM-Phasen.

Was in dieser Zeit passiert, was da an Bildern, an Geschichten kreuz und quer durch unsere Gehirnrinde schießt, daran können wir uns meistens anschließend nicht mehr erinnern. Denn: Wenn man zu Ende geträumt hat und weiter schläft, dann vergisst das Gehirn das Geträumte gleich wieder. Nur wenn man unmittelbar während des Träumens oder direkt danach aufwacht, kann man sich an Fetzen erinnern. Manche Schlafforscher sagen, dass alles, was man träumt, eigentlich in den wenigen Sekunden des Aufwachsens passiert.

Intensive Träume in der Schwangerschaft

Nun erleben viele Frauen, dass sie während der Schwangerschaft viel intensiver träumen als jemals in ihrem Leben. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist das Schwangerschaftshormon Progesteron. Progesteron hat die Aufgabe, die Schwangerschaft zu erhalten. Es sorgt unter anderem dafür, dass die Schwangere ausreichend zur Ruhe kommt: Progesteron kann eine bleierne Müdigkeit erzeugen. Viele Schwangere kennen das; dann möchte man dem Baby zuliebe auch nicht so viel Kaffee und schwarzen oder grünen Tee trinken wie sonst. Da hilft nur Mittagspause, sooft es geht, und abends früher ins Bett.

Längere Schlafzeit bedeutet auch häufigere und längere Traumphasen. Wenn dann auch noch Unterbrechungen des Schlafs dazukommen, wegen Rückenschmerzen, Restless-Legs, voller Blase oder anderer Unbequemlichkeiten, dann gibt es noch mehr Gelegenheiten, sich an Träume in der Schwangerschaft zu erinnern.

Gewaltiger Umbruch – gewaltige Träume

Auf der anderen Seite bedeutet die Schwangerschaft – vorwiegend die erste Schwangerschaft – immer einen gewaltigen Umbruch im Leben. Die Dimension ist viel größer als das, was wir oft tagsüber zulassen, der Übergang von der Frau zur Mutter, vom Paar zum Eltern- und Familie-sein. Und was tagsüber noch einigermaßen griffig scheint, das kann dann zu überbordenden Träumen in der Schwangerschaft, mit Bildern und Geschichten führen.

Sie stecken mitten in einem Umzug? Im Traum kann das ein unendlicher, nicht endender Güterzug mit tausenden Waggons werden. Eine Freundin erzählt, dass sie ihre frisch eingepflanzten Setzlinge durch zu viel Gießen „ersäuft“ hat? Sie träumen einen Untergang eines U-Boots oder dass Ihre Katze mitten im Zimmer Pipi macht und damit nicht mehr aufhört. Sie bereiten alles für das Baby vor, aber im tiefsten Inneren hat Ihr Gehirn damit zu kämpfen, dass es sich diese künftige, neue Situation nicht vorstellen kann? Dann ist es kein Wunder, wenn Sie von hereinbrechenden Fluten träumen, von ungebetenen Gästen, von völlig wirren und unübersichtlichen Szenen. Sie versuchen in der Geburtsvorbereitung, Kontakt mit Ihrem Baby aufzunehmen, aber irgendwie fehlt Ihnen die esoterische Begeisterung? Ihr Gehirn wird sich etwas einfallen lassen, wie es damit im Traum umgeht.

Angst und Wut, Schwäche und Stärke – alles geträumt

Wenn Sie die Flut Ihrer Träume nicht mehr loslässt, dann schreiben Sie sie auf, am besten direkt nach dem Aufwachen. Das hilft, das Geträumte loszulassen und in den Tag zu starten. Vielleicht verstehen Sie später, was Sie geträumt haben. Manchmal gibt es Träume, von denen Sie merken, dass sie wichtig waren. Aber Sie können sie im Moment nicht deuten. Halten Sie sie fest, erinnern Sie sich gelegentlich daran. Manchmal kommen die Antworten erst Jahre oder auch Jahrzehnte später.

Manche Träume sind sehr angstbesetzt. Es hilft, sich die alte psychotherapeutische Weisheit zu eigen zu machen, dass man in diesen Träumen meistens nicht nur das Opfer ist, sondern dass man beide Seiten verkörpert. Träume voller Angst und Flucht können also ein Anlass sein, sich mit der eigenen Wut, dem Zorn, eigener Aggressivität zu befassen und auch mit den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten und mit der eigenen Stärke, sich vor derartigen Angriffen und Schrecknissen zu schützen.

Kuscheln mit Mama und Papa

Wenn Sie in diesen Monaten erleben, wie unerklärlich angstvoll und schrecklich manche Träume sein können, merken Sie sich das gut für später: Wenn irgendwann Ihr Kind zu Ihnen ins Bett krabbeln möchte, weil es schlecht geträumt hat und getröstet werden will, dann schicken Sie es nicht weg. Kuscheln mit Mama und Papa ist der beste Schutz gegen Albträume, den es geben kann.

Autorin: Dr. med. Susanna Kramarz

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